Die Leiden eines Regisseurs : Jürgen Flimm: Die gestürzte Pyramide

Lear her! Die Leiden eines Regisseurs an den Typen und Tücken des Theaterbetriebs – und an sich selbst. Ein Dramolett von Jürgen Flimm.

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Das beste Theater ist im Kopf: Jürgen Flimm.Foto: imago

1. SZENE

Theaterkantine. Über Lautsprecher Bravos, Buhs, auf dem Monitor Verbeugungen. Stimme des Inspizienten: Ende der Vorstellung. – Die Techniker stehen murrend auf.

2. SZENE

Premierenfeier. Der Regisseur sitzt mit seiner Assistentin Lisa und einigen Schauspielern und Freunden, die sich nun verabschieden. Die Kantine wird leer. Allgemeine Floskeln sind zu hören: Nee, war prima. / Mir, ehrlich, hat’s gefallen / Ich habe was ganz anderes erwartet, aber so, hallo! / Freu dich doch / Das muss man erst mal hinkriegen / Nee, wirklich, ich fand’s gut.

LISA Du kannst dich freuen. Soll ich noch’n Bier?

REGISSEUR Alles gelogen. Gelogen, schnell und kalt, und dann ab dafür. Die Wahrheit kommt spät oder nie. Mir ist lieber nie.

LISA kommt zurück. Aber das Publikum! Prost! Ein paar kleine Buhs. Was juckt dich das! Die mochten das! Das ist die Wahrheit.

REGISSEUR haut sich auf den Kopf. Da drin war die Wahrheit. Da drin. In meinem Kopf.

LISA Auf der Bühne war alles von dir! Nicht nur in deinem Kopf. Chef! Alles.

REGISSEUR aufbrausend. Letztlich war doch nur der Einfall von mir, der Beginn. Die Idee!

LISA Lass uns gehen.

REGISSEUR Schreckliche Kopfschmerzen! Schlägt sich auf den Kopf. Wie ein Stromschlag im Nacken. Dann stell ich mir vor, ich balanciere auf der Stirn eine gestürzte Pyramide, die Spitze auf meiner Stirn, und das tut weh!

LISA Im Bahnhof kriegen wir noch was zu essen. Los jetzt!

REGISSEUR schlägt sich auf den Kopf. Und das balanciere ich monatelang, und bei der Premiere – da fällt es hinunter und alles zerbricht, nur noch einzelne Teile bleiben auf dem Bühnenboden. Schlägt sich auf den Kopf.

LISA schaut ratlos. Du bist ein wehleidiger Depp, Schatzi.

REGISSEUR Depp, Schatzi, ausgebuht. Schaut einer Komparsin hinterher. Wirklich schick! „Onkel Wanja“ hätt’ ich machen wollen, oder das „Käthchen“.

LISA Ich hol noch’n Bier.

REGISSEUR „Wanja“. Er steigt auf einen Stuhl. „Wanja“, das sind doch wir! Hier ist unser Russland, unsere Provinz. Das sind wir! Hallo!

LISA Setz dich. Das ist ja lächerlich. Trink was.

REGISSEUR schlägt sich auf den Kopf, balanciert etwas auf seiner Stirn.

LISA Die Pyramide.

REGISSEUR fröhlich. Ja, die Pyramide.

LISA balanciert. Was is’n da drin?

REGISSEUR Menschen, Einfälle, Ideen, Klatsch, Tratsch, Missgunst, Gestank, Zorn, Wut, Trauer, auch Nichts, aber auch Applaus.

LISA Heute war „König Lear“ drin.

REGISSEUR War „Lear“ drin. Er trinkt viel. Aber sie haben es nie gewollt, das blöde Direktorium, schon vor einem Jahr nicht!

3. SZENE

Im Direktorium.

ALLE „Wanja“! Seelendoktor / Käthchen, das Kind / Maschinenfrau / Kunigunde / Märchen in verwalteter Welt / Und Utopie bis Dekonstruktion / „Wildente“ / Unbewältigte Vergangenheit / Kleist / Ich, Kleist / Die Welt von heute siedelt / Wo ist die Verortung bei Ibsen / „Wildente“ ist doch Political Correctness / Heute / Was Neues / Nicht stehlen, wo nehmen / Brecht / Shakespeare. – Der Regisseur versucht etwas zu sagen, reißt den Mund auf.

4. SZENE

Regisseur allein. Raucht. Trinkt. Grübelt.

5. SZENE

Regisseur horcht in sich hinein.

6. SZENE

Regisseur fährt Fahrrad und pfeift. Lisa fährt hinterher, ihre roten Haare fliegen.

7. SZENE

Regisseur liest Bücher und grübelt.

8. SZENE

Regisseur kommt aus dem Kino, hat „Blade Runner Director’s Cut“ gesehen. Ist heiter.

9. SZENE

Regisseur wacht auf, schreibt etwas auf einen Zettel und schläft weiter.

10. SZENE

Regisseur speist, redet mit Lisa, die begeistert nickt.

11. SZENE

Über dem Regisseur hängt eine Birne, die plötzlich hell leuchtet.

12. SZENE

Der Intendant, der Regisseur, Carla, die Sekretärin.

INTENDANT Tolle Idee. „Lear“! Nun wer soll den –

REGISSEUR – den spielen? Weißt du, natürlich nur der Peter. Sonst hätte ich ja gar nicht weiter gedacht.

INTENDANT Willst du ’n Kaffee? Peter hat Urlaub, macht „Tatort“ in Baden-Baden.

REGISSEUR schaut aus dem Fenster. Wasser –

INTENDANT Und Michi? Carla, ein Wasser!

REGISSEUR Michael ist eben gar kein Komiker.

INTENDANT zu Carla. Ich nehme einen Kaffee.

REGISSEUR Danke, Carla.

REGISSEUR Kann der nie, zu klein, zu dick, kannst du dir den auf ’nem Pferd vorstellen? Ein König?

INTENDANT Das ist ja gerade interessant. Denk mal drüber nach. Nicht so uninteressant. Carla kommt mit Kaffee. Danke, Carla.

13. SZENE

Kantine. Der Regisseur am Resopaltisch. Lisa. Komparsin.

KOMPARSIN Ich fand den gut, den Michi, süß.

LISA Die ganze Besetzung war toll. Alle haben doch mitgezogen, voll toll.

KOMPARSIN Ich hol noch ’n Bier.

REGISSEUR haut sich auf den Kopf. Das tut weh. Balanciert wieder. Ich wollte doch was anderes! Wie im Globe. Leere Räume, keine Dekoration, Schauspieler, die leicht und schnell spielen, Regen, Alltag. Rattenmenschen, flink und gemein. Keine Psychologie. Matsch. So doch nicht, verdammt. Schlägt sich auf den Kopf, Lisa hält ihm die Hände fest.

REGISSEUR balanciert.

LISA Die Pyramide?

KOMPARSIN kommt mit Bier.

14. SZENE

Monate zuvor. Büro des Bühnenbildners, der sitzt auf einem alten Korbstuhl. Der Dramaturg auf der Fensterbank, raucht viel. Regisseur schaut leer.

BÜHNENBILDNER Ja, eben, wo spielt das? In welcher Welt? Nicht leicht.

REGISSEUR Na ja. Bei Shakespeare. Der alte Antiillusionist. Brook, ja.

BÜHNENBILDNER Ja, der leere Raum. Okay. Das war mal.

REGISSEUR Kanalisation. Regen. London. Slums. Dreck. Matsch,

DRAMATURG In Shakespeares Kopf. Da treffen Gedanken Gedanken.

BÜHNENBILDNER So ein Transitraum. „Lear“ ist doch Übergang zum Neuen. Nichts bleibt. Flughafen. Seehafen. Elbtunnel. Bahnhof.

DRAMATURG Der Kopf ist wie ein Hotel. Kein Gedanke bleibt. Ein Hotel! Alter Kasten, Riviera. So ein Ancien Régime. Hotel! Heimat und doch auf Abruf. Hat eben ein Verfallsdatum! Und doch immer Bewegung, die ja Neues ankünden kann. Fahrstühle, Drehtüren, Lounges, Tresen, die Bar ist ja fast ein mythischer Raum. Rein, raus. Alles verwundete Menschen –

BÜHNENBILDNER Hotel ist gut, sehr gut. Fin de siècle. Schnitzler.

REGISSEUR Shakespeare. Die Schlachten, die Heide, die Leichenfelder, wie soll ich –

DRAMATURG War doch bei Shakespeare auch alles und nichts, nicht wahr? Lies Borges. Wo ist Illyrien? Böhmen am Meer?

BÜHNENBILDNER Eben! Das hat alles ja seinen Ort! Fin de siècle. Hofmannsthal, Strauss ohne Schatten. Lacht hell.

REGISSEUR schweigt aufgeregt.

15. SZENE

Kantine, leer. Lisa, die Komparsin, Requisiteur. Regisseur wirft die Arme manisch in die Luft, schlägt sich auf den Kopf. Er trägt noch T-Shirt, ist auf Strümpfen.

REGISSEUR zum Requisiteur. Das tut weh! Heinzi! Peter macht Fernsehen, kein Lear! Kommissar! Gehört mir nicht, dieses Hotel! Gehört mir nicht! Lärmt. Nix, nix.

LISA Und diese ewigen Anzüge! Weiße Hemden.

REGISSEUR Ich wollte historisch! Als Michi auftrat heute, hatte er die Haare geföhnt, aufgetürmt, wie ein russischer Pianist. Der spielte ja schon am Anfang den Schmerzensmann, als ob er die blöde Cordelia bereits auf den Armen hielte. Grässlich überhaupt. Die Proben vergessen! Die Ruhe! Die spießige Bösartigkeit vergessen! Der Barde sang! Premiere im Arsch! Schlägt sich auf den Kopf, mehrmals.

LISA Aber das Publikum hat es gemocht. Prosit.

REQUISITEUR Aber der Michi spielt doch bei der Premiere immer, was er will.

KOMPARSIN Süß is’ er.

REGISSEUR schlägt sich immer noch auf den Kopf. Balanciert.

LISA Die Pyramide? Lacht.

REGISSEUR singt. Ich hab’ ein Loch im Kopf. Balanciert. Weißt du noch? Wie ich dir von „Lear“ erzählte?

LISA Wir hatten ja zu wenig Zeit für’s Licht. Prosit!

REGISSEUR Alleweil balanciere ich das doofe Ding. Immer mehr kommen gelaufen, schubsen, drängeln sich vor, wollen ihren Platz. Der Dramaturg, der Bühnenbildner, die Schauspieler, der Intendant, die Technik, das Publikum, das Publikum und immer, immer wird alles wieder anders. Lisa! Alle wollen in meinen Kopf. Ich balanciere. Schlägt sich an den Kopf. Ich sollte zum Varieté. Der Mann, der Tausende auf seinem Kopf balancierte und alle Abonnenten.

LISA Zum Bahnhof! Da gibt’s was Warmes! Schluss jetzt! Komm jetzt!

REGISSEUR Tausende in der Pyramide. Ich wollte doch nur den „Lear“ machen, wie ich wollte. Ganz allein. Sein Kopf fällt auf die Resopalplatte des Tisches.

LISA Lass ihn schlafen. Er hat’s verdient.

Sie gehen leise hinaus.

16. SZENE

Regisseur wacht auf. Fühlt seinen dick verbundenen Kopf.

REGISSEUR Au.

GATTIN Bleib liegen. Du hast dir beim Applaus am Portalscheinwerfer den Kopf gestoßen und bist umgefallen.

REGISSEUR Mir hat geträumt –

GATTIN Du redest ja wie Zettel.

REGISSEUR – von einer Pyramide, die sich immer weiter in meinen Kopf bohrt. Ich habe sie balanciert, das war nicht leicht.

GATTIN Jetzt wird geschlafen, du hast dich ja freigestrampelt wie ein Kind. Du hast eine schwere Gehirnerschütterung. Schlaf. Blödmann.

REGISSEUR Nach Premieren hab ich immer eine Gehirnerschütterung.

Vorhang. Man hört Applaus und Bravos, einzelne Buhs.

Jürgen Flimm, geb. 1941, ist Regisseur und Leiter der Salzburger Festspiele. Im Herbst übernimmt er die Intendanz der Staatsoper Berlin. Er war Intendant in Köln und Hamburg und Leiter der Ruhr-Triennale. Am 22. April erscheint im Verlag Müry Salzmann, Salzburg, sein Buch „Die gestürzte Pyramide“ (ca. 200 S., 28 Euro) mit Erzählungen, Betrachtungen, Werkstatttexten über das Theater und die Welt. Mit vielen Skizzen und Fotos und dem Dramolett „Die gestürzte Pyramide“, das wir hier vorab drucken. Buchpremiere ist am 25. April im Schauspiel Köln mit Elke Heidenreich.

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