Kultur : Die letzten Anrufe: Mobilfunk

Im Grunde fing es schon mit dem Anrufbeantworter an. Ein Freund von mir nahm sich vor einigen Jahren das Leben. Seine Frau hat seine Stimme auf dem Anrufbeantworter nie gelöscht. Immer wenn man anruft, hat man einen Toten am Telefon. Es ist ein merkwürdiger Moment: Immer stockt mir ein wenig der Atem, immer fallen mir Bilder von ihm ein. Wie er gelacht hat. Wie zerstört, wie angstvoll sein Gesicht wohl ausgesehen hat, kurz vor seinem Tod.

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Osama bin Laden: Amerikas Staatsfeind Nummer 1 gilt als der Hauptverdächtige In den Vereinigten Staaten gab es in den letzten Tagen einige unfassbare letzte Anrufe. Alle per Handy. In einem der entführten Flugzeuge verabschiedet sich wenige Minuten vor seinem Tod ein Mann von seiner Frau und seiner drei Monate alten Tochter und sagt: "Ihr müsst wissen, ich liebe euch." Eine Journalistin meldet sich von der Flugzeugtoilette noch ein allerletztes Mal bei ihrem Sender. Ein junger Mann ruft bei seinen Eltern aus dem World Trade Center an, nachdem das erste Flugzeug sich in einen der Türme gegraben hatte: Sie sollen sich keine Sorgen machen, er arbeite in dem anderen Turm. Ein unter den Trümmern der Wolkenkratzer Verschütteter gab per Funktelefon ein Zeichen. Es nütze nichts, er konnte nur sagen, wo er früher gesessen hatte, im soundsovielten Stock. Die Helfer konnten ihn nicht finden. Man muss sich das vorstellen: Da liegt einer vom Dunkel eingeschlossen, verzweifelt, vermutlich verletzt, aber noch am Leben, mit dem Handy in der Hand und telefoniert und telefoniert, bis irgendwann der Akku leer ist.

Der 11. September 2001: Nach diesem Tag ist vieles nicht mehr so, wie es war. Das gilt für viele große Dinge, aber auch für ein ziemlich kleines Ding: das Handy, unser Handy. Für was musste es nicht alles als negatives Symbol herhalten: für unsere eisige, entmenschlichte Business-Welt, für die Unfähigkeit, noch wirklich menschlich und warmherzig zu kommunizieren, für den Wahn, immer und überall erreichbar sein zu wollen.

Auf diese Kälte können nun Nachrufe geschrieben werden. Via Handy sind Dokumente wärmster Verzweiflung, zum Tode geweihter Herzlichkeit entstanden. Und wer hätte das gedacht: Ausgerechnet die elektronische Mailbox wurde zum öffentlichen Beweis, dass letztlich die Liebe das einzige Mittel gegen den Tod ist.

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