Kultur : Die letzten Fürsten und ihre Reiche

Intendanten müssen fast alles dürfen können

Peter von Becker

Sie sind die letzten Fürsten – und die ersten (die Ersten) Sklaven unserer Subventionskultur: die Theaterintendanten. Die über 150 schauspielenden, tanzenden, singenden deutschen Stadt- und Staatsbühnen bilden ein Erbe der duodezfürstlichen Höfe. Während die Hof-Herren verblichen sind, regieren die öffentlich bestallten Intendanten weiter, als Damen und Herren der Opern und Schauspielhäuser. Dabei ist die Spielplanhoheit gleichsam Herz und Krone jeder Intendanz. Sie verkörpert vor allem anderen die grundgesetzliche Kunstfreiheit im Theater.

Nach außen amtiert ein Theaterleiter, so lange er die allgemeinen Gesetze achtet, als beinahe unumschränkter Herrscher. Gelegentlich gibt es wohl ökonomische Pressionen durch öffentliche Haushaltskürzungen. Aber denen kann sollte ein kluger Intendant in seinem Vertrag mit dem Subventionsgeber möglichst weit vorbauen. Wird indes nach vier oder fünf Jahren der Intendantenvertrag nicht verlängert, dann rufen Alarmisten oft „Skandal! Einmischung! Zensur!“ Tatsächlich jedoch ist die Entscheidung über einen alten oder neuen Intendanten, der meist eine publizistische Diskussion und der Rat von Experten vorausgeht, neben dem Haushaltsrecht das einzige legitime Instrument, mit dem die (Kultur-)Politik auch Theaterpolitik betreiben kann.

Auch vor diesem Hintergrund ist der Berliner „Idomeneo“-Fall brisant. Es gibt ja außer den ökonomischen Zwängen genug Probleme, die eine Theaterleitung hat. Opern und Schauspiel sind längst nicht mehr die unbezweifelten Leitmedien einer bürgerlichen Stadt-Kultur. Das erhöht den Legitimationsdruck der öffentlichen Bühnen; und es sorgt im Inneren für gesteigerte Nervosität, für Profilierungssüchte und -ängste der Künstler, neben der ohnehin wachsenden Mobilität und Inkonsistenz von Ensembles, Aufführungen und Programmen.

Intendanten sind darum immer seltener auch Künstlerfürsten: also selber Regisseure, Dirigenten oder Schauspieler. Sie werden vielmehr zu multifunktionalen Mischwesen: Kunstplaner und Kulturmanager, Dramaturg und Diakon (= Seelentröster, Krankenschwester, Psychotrainer); sie müssen sich außer um Kunst und Künstler noch um Sponsoren, Kulturpolitiker, Abonnenten und Gewerkschaften kümmern, sie sollen Spezialisten für Mozart, Kleist und Rinke, Tarifverträge und dekonstruktivistische Alt- oder Jungregisseure sein. Also regieren im Intendantenbüro heute meist Sklavenfürsten: eher die Ermöglicher als die Visionäre.

Als Ermöglicherin hätte sich Kirsten Harms, die Chefin der Deutschen Oper, als erstes auf ihr teuerstes Gut besinnen müssen: ihre Spielplanhoheit. Sie ist Ausdruck der Kunstfreiheit. Wird sie angegriffen, etwa von fundamentalistischen Spinnern, dann muss das sofort öffentlich gemacht, müssen Kunst und Theater öffentlich verteidigt werden. Hastiges Nachgeben schützt da niemanden. Sondern bedroht alle, Publikum und Künstler als Teil der freien Gesellschaft.

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