Kultur : Die letzten Paradiese

Visuelles Konfetti: Der Starfotograf Thomas Ruff zeigt seine Serie „jpegs“ in der Johnen Galerie

Knut Ebeling

Eine der beliebtesten und am wenigsten reflektierten neueren Vokabeln ist die des „jpeg“. Was der deutschen Sprache in den achtziger Jahren der DJ war, ist seit den Neunzigern das „jpeg“ – Abkürzung für „Joint Photographic Experts Group“, die 1992 das populärste Format der Bilddatenkomprimierung entwickelte. In der Form dieses Dateiformats liegt mittlerweile fast die gesamte visuelle Welt im Internet zum Downloaden bereit.

Jemand, der diesem Angebot seit einiger Zeit folgt, ist Thomas Ruff. Die Ausstellung des Starfotografen, die heute Abend in der Johnen Galerie eröffnet, präsentiert Neuzugänge einer Bilderserie, die den schlichten Titel „jpegs“ trägt (je 60 000 Euro). Auf den Bildern der Serie, die bislang in Köln oder New York zu sehen waren, sah man beunruhigend katastrophische Motive wie das brennende World Trade Center, Seebeben oder Kindergräber. Die Berliner Bildstrecke kommt auf den ersten Blick weniger dramatisch daher. Sie zeigt Wasserfälle, DDR-Grenzposten oder Palmen. Nur am Bildrand eines tropischen Palmenmotivs lauert der herannahende Tornado.

Der Witz dieser Bilder liegt jedoch weniger in ihren dramatischen Motiven als in ihrem sachlich-elektronischen Herstellungsverfahren: Ruff hat die banalen Bilder von Palmen und Grenzposten im Internet gefunden und sie von dort heruntergeladen. Bei jedem Bild der Serie „jpegs“ handelt es sich um ein ausbelichtetes und auf Wandgröße hochgezogenes Jpeg. Was Ruff in seiner Berliner Ausstellung präsentiert, ist das Computerbild im Wohnzimmerformat.

Denn erst auf diesem großen Format zeigt sich, worauf es dem Ex-Fotografen ankommt: auf die Unschärfe und den Informationsverlust, den die Datenkomprimierung erzeugt. Was hier gezeigt wird, sind keine Bilder, sondern Übertragungen, keine Motive, sondern deren Verzerrung. Von der Realität bleiben im Internet nur noch gerasterte Punkte übrig. Geht man einmal näher an die Wasserfälle und Palmen heran, so zerfallen sie in ein gepixeltes Schachbrettmuster.

Im Vergleich zur Bildtradition der Becher-Schule, der Ruff entstammt, sind diese Bilder visuelles Konfetti. Nie war der Kontrast größer zwischen dem hochaufgelösten fotografischen Reichtum der Becher-Schule und der visuellen Armut, die Ruff jetzt zeigt. Dabei hat er dieser Schule anfangs die Treue gehalten. Die Serie von porentiefen Porträtfotografien, mit der Ruff 1995 den deutschen Pavillon der Biennale bespielte und international bekannt wurde, war so kühl und sachlich fotografiert wie die Wassertürme des hessischen Berglands von Hilla und Bernhard Becher. Bei den nachfolgenden Serien, die Sterne oder Nächte zeigten, war es schon schwieriger, sie mit dieser Tradition in Verbindung zu bringen.

Spätestens 1999 verschwand Ruff dann vollends in der Versenkung des Internets. Seine „Nudes“ zeigten heruntergeladene Nacktfotos, die poppig, provokant und reißerisch wirkten. Die verzerrten Nackten waren der Albtraum der mikroskopisch fein fotografierenden Becher-Schule. Es fiel nicht leicht, die versteckte Medienkritik dieser Motive zu entdecken, die die Komplizenschaft des Internet-Voyeurs mit den verführerischen Objekten seines Begehrens bloßstellten. Schließlich dürfte es sich schon bei den Dateiformaten einiger aus dem Netz geladener Damen um Jpegs gehandelt haben.

Mit seiner „jpegs“ betitelten Serie rückt das Dateiformat nun komplett in den Vordergrund. Die verwischten Bildinformationen dieser Serie – die letztlich einer Nichtinformation gleichkommen – zielen darauf, den Widerspruch des digitalen Bilderkosmos aufzudecken: Einerseits ist die visuelle Welt mittlerweile komplett im Internet verfügbar; und zwar einfacher, schneller und billiger, als es sich die Pioniere des Digitalen jemals hatten träumen lassen. Doch auf der anderen Seite ist auf diesen Bildern eigentlich nichts zu sehen: Die Jpegs sind nichts anderes als elektronisch vermittelte visuelle Reize.

Auf diese Reize ist niemand so sehr angewiesen wie die Kunstwelt; und tatsächlich entfaltet sich die Brisanz von Ruffs digitalem Archiv erst, wenn man es auf die Praktiken des Kunstbetriebs zurückbezieht. Es ist kein Geheimnis, dass ein beträchtlicher Teil des Kunsthandels heute über das Internet abgewickelt wird. Jeder Galerist kann Geschichten darüber erzählen, wie sehr sich der Betrieb durch die schnelle Versendbarkeit des elektronischen Konfettis verändert hat. Das Jpeg war der elektronische Motor jener Beschleunigung, die der Kunstmarkt in der letzten Dekade erfahren hat.

In dieser Ambivalenz zwischen visuellem Zunder und der Verbrennung von Bildinformation besteht auch die Pointe von Ruffs Jpegs: Kein Handel ist derart auf visuelle Informationen angewiesen wie der Kunstmarkt – der seine Geschäfte jedoch über diejenigen elektronischen Verkehrswege abwickeln muss, die diese Informationen durch ihre Komprimierung unweigerlich zerstören. Ruffs Jpegs machen in ihrem Großformat auch die Bildverzerrung sichtbar, die der Kunstbetrieb selbst produziert.

Natürlich streuen die hochgezogenen Pixel Sand ins elektronische Getriebe des Kunstmarkts. Denn dieses Getriebe lässt den Knalleffekt der Bilder glatt verpuffen: Sobald man die heruntergeladenen und auf Wandgröße hochgezogenen Ansichten wieder durch das Internet schickt, aus dem sie kommen (was seine Galeristen natürlich unentwegt tun müssen), wird der Unschärfeeffekt, um den es Ruff geht, wieder unsichtbar. Die Geister der Verzerrung haben sich wieder in die Internet-Unterwelt zurückgezogen, aus der sie kommen.

Am Ende bleibt offen, ob Ruff mit seinen „jpegs“ eine Neuauflage des alten Projekts präsentiert, eine marktinkompatible Kunst zu schaffen – oder ob es ihm um eine Verteidigung des Originals in einer Bilderwelt ohne Originale geht. Jedenfalls hat Ruff durch seine professionelle Bildverstümmelung die ersten Internet-Bilder produziert, die man nur im Galerieraum goutieren kann – eine Haltung, die seinen Lehrern gewiss gefallen hätte.

Johnen Galerie, Schillingstraße 31, bis 29. Juli, Dienstag bis Sonnabend 11 bis 18 Uhr.

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