Kultur : Die letzten Tage von Kreuzberg

Theke, Tresen, Temperamente: Leander Haußmann verfilmt Sven Regeners Bestseller „Herr Lehmann“

Harald Martenstein

Man kann nicht alle Leute kennen, es gibt zu viele. Von Christian Ulmen zum Beispiel wusste der Rezensent erst mal gar nichts. Nun ist er also der Hauptdarsteller von „Herr Lehmann“. Man sitzt als aktiver Zeitzeuge der vom Film beschriebenen Epoche im Kino und denkt die ganze Zeit: Das isses nicht. Nee, nee, das isses nicht.

Eine Kollegin sagt: „Christian Ulmen ist einfach ein schlechter Schauspieler.“ Zweifellos. Aber gab und gibt es nicht großartige schlechte Schauspieler? Leute, die nur zwei Gesichtsausdrücke drauf haben und damit die Welt aus den Angeln heben? Clint Eastwood? Richard Burton? Oder, weil wir in Deutschland sind, Mutter Beimer? Inzwischen weiß ich, dass Ulmen ein 1975 geborener, von frühesten Jahren an berufstätiger und recht erfolgreicher MTV-Moderator ist, dass es 90er-Gesichter und 80er-Jahre-Gesichter gibt, und dass Ulmen definitiv ein 90er-Jahre-Gesicht hat, wofür er nichts kann, was aber in einem 80er-Jahre-Film, wenn du kein guter Schauspieler bist, ein kaum überwindbares Handicap darstellt.

„Herr Lehmann“ ist eine Geschichte über die Wende, aber aus westlicher Sicht. Das heißt, die Leute interessieren sich herzlich wenig für die DDR, bis sie am 9. November plötzlich vor der Haustür steht. Sven Regeners Roman erzählt von der West-Berliner Lumpenbohème der Vorwendejahre, der Szene in Kreuzberg, von SO 36. „Karriere“, Schlüsselbegriff der 90er, ist noch ein Schimpfwort. Die Leute definieren sich nicht über Stil, sondern über Posen. Das Leben steht still. Man braucht nicht viel Geld. Der zentrale Ort ist die Kneipe. Hin und wieder findet eine so genannte Beziehung statt. Man pflegt ein paar Restbestände der linken Rebellenkultur der 70er. Man will aber nirgendwo hin, im Grunde ist man linkskonservativ. Der Schlüsselsatz dieser Zeit lautet: „Irgendwas wird sich schon ergeben.“ Man denkt tribalistisch, in Stämmen. Nur das eigene Milieu ist wichtig, die Außenwelt wird ignoriert, so gut es geht. Die Kreuzberger Bohème versucht, ihrem Staat desinteressiert den Rücken zuzudrehen, ähnlich wie die Bohème vom Prenzlauer Berg.

Diese Welt geht in den 90ern zu großen Teilen unter wie die DDR. Auch diese Welt wird von der kapitalistischen Beschleunigung erfasst. Es ist klar, dass „Herr Lehmann“ für Leander Haussmann interessant sein musste, den Regisseur von „Sonnenallee“. So verrückt es klingt: In Prenzlauer Berg und in Kreuzberg waren die Deutschen sich nach 40 Jahren Teilung charakterlich wahrscheinlich noch am ähnlichsten, weil in Kreuzberg der Kapitalismus am wenigsten zu spüren war. Haussmann macht sich einen Spaß daraus, einige West-Berliner Freaks mit OstSchauspielern zu besetzen. Michael Gwisdek steckt unter einer Zottelperücke. Steffi Kühnert aus „Halbe Treppe“ hängt als Trinkerin am Tresen rum. Thomas Brussig spielt einen DDR-Zöllner.

„Herr Lehmann“ ist Zapfer und dreißig. Seine Eltern kommen aus Westdeutschland zu Besuch. Er verliebt sich mit zeittypischer Unentschlossenheit, die Frau lehnt selbstverständlich alle „Besitzansprüche“ ab, sein bester Freund kriegt als Künstler eine Ausstellung in Charlottenburg und dreht vor Erfolgsangst durch, und das ist es auch schon beinahe. Es passiert nicht viel in diesem trotzdem sehr komischen Roman, dessen Thema die Langeweile und die Unentschlossenheit sind, zwei Seelenzustände, die sich schlecht dramatisieren lassen. Einige Episoden beschreiben bittere Grunderfahrungen des Berliner Stadtlebens, zum Beispiel eine Busfahrt mit einem sadistischen BVG-Fahrer. Das erste Kapitel handelt davon, dass Herr Lehmann morgens von der Kneipe nach Hause will, einem knurrenden Hund begegnet, den Hund mit Whisky besänftigt und deshalb Ärger mit der Polizei kriegt. Eine schnell erzählte, mäßig originelle Anekdote. Sie ist aber lustig, weil Regener sie lustig beschreibt.

Wenn ein Film keine dramatische oder sonstwie packende Geschichte entwickelt, dann sind es wohl die Gesichter und die Atmosphäre, die unser Interesse wecken müssen. Dass der Film „Herr Lehmann“ einen zwiespältigen bis schwachen Eindruck hinterlässt, hängt, wie bereits angedeutet, zu einem nicht geringen Teil mit dem Scharpinghaft steingesichtigen, zu seinem Unglück auch noch dem unabgründigen Johannes B. Kerner ähnlich sehenden Hauptdarsteller Christian Ulmen zusammen. Dass die zweite Hauptrolle, die des Künstlerfreundes, mit dem wie immer superauthentischen Detlef Buck besetzt ist, macht die Sache für den armen Ulmen nur schlimmer.

Es ist auch eine Frage der Atmosphäre. Das wohligschreckliche Gefühl des Wiedererkennens stellt sich eher selten ein. In den abgefuckten Szenekneipen der beschriebenen Art haben zum Beispiel nie und niemals West-Berliner Rentner herumgesessen, die hatten nämlich ihre eigenen abgefuckten Kneipen. Und die typischen Szenefrauen von SO 36 waren auch ganz anders als die wie eine milde Spätsommersonne in die Kamera strahlende Katja Danowski. Sie waren härter drauf. Der Feminismus war als einzige Ideologie noch relativ jung und stark, und zwischen den Geschlechtern herrschte gelegentlich ein scharfer Ton, den man sich heute kaum noch vorstellen kann.

Mit der Maueröffnung gehen der Roman, der Film und überhaupt die 80er-Jahre zu Ende. Die Filme über diese Zeit, die im Westen spielen, jetzt „Herr Lehmann“, davor „Liegen lernen“, wirken harmlos, fast schon unbedarft, obwohl sie von unglücklicher Liebe und von gescheitertem Leben erzählen und waschechte Tragikomödien sind. Wenn man „Herr Lehmann“ und „Liegen lernen“ sieht und sich dabei an „Sonnenallee“ oder „Good Bye, Lenin!“ erinnert, versteht man wieder, warum es in schlechten Zeiten und über schlechte Zeiten die besseren Komödien gibt. „Good Bye, Lenin!“ handelt ja wirklich von einem großen Unglück, einer zerstörten Familie, verlorenen Illusionen. Vielleicht müssen wirklich lustige Filme immer von einem großen Unglück handeln.

Worum ging es im Westen in den 80ern? Nicht um Karriere, nicht wirklich um Politik, auch nicht um Gefühle. Es ging ums Warten. Die DDR und die westliche Jugendrebellion, beides war zur Farce geworden und verglühte fast unmerklich. Die DDR konnte wenigstens wehtun, sie wehrte sich noch. Der Westen aber war leer, er glaubte an nichts mehr, nicht mal an sich selber. Der Geldscheffel-Egoismus der 90er war noch nicht geboren. Das, woran man sich in Kreuzberg halten konnte, waren die Kneipentresen und die Beziehungsprobleme. Vielleicht waren es Scheißjahre. Vielleicht kriegen sie am Ende die Filme, die sie verdient haben.

Ab morgen in Berlin im Adria, Babylon, Colosseum, Cinemaxx Potsdamer Platz, Delphi, FT am Friedrichshain, Hackesche Höfe, International, Kino in der Kulturbrauerei, Yorck.

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