Kultur : Die letzten Zeugen

Aus der Kinokiste: Originalstills und Starporträts in der Berliner Galerie Berinson

Hans-Jörg Rother

Was bleibt von den Filmen, die man im Laufe seines Lebens gesehen hat, außer flüchtigen Erinnerungen? Früher sammelte man Programmhefte oder trug signierte Starfotos stolz nach Hause. Wer etwas mehr Geld hatte, konnte Erstabzüge von Standfotos und von Künstlerporträts erwerben. Die Galerie Berinson hat solche Schätze zusammengetragen und präsentiert unter dem Titel „Talking Pictures“ 25 unikate Aufnahmen aus den Jahren 1916 bis 1940.

Jede davon erinnert an ein großes oder kleines Werk der Filmgeschichte. Ernst Lubitsch, dessen nachdenkliches frühes Porträt von 1916 aus dem Atelier Binder die Verkaufsschau (Preise ab 2500 Euro) eröffnet, gilt heute als großes Vorbild. René Clairs berühmten Kurzfilm „Zwischenakt“ (1925) kennen dagegen nur noch die Cineasten. Der Vintage-Abzug einer Einstellung daraus zeigt eine in sich gekippte Straße und trägt das schöne Signet des Regisseurs, eine kleine Kostbarkeit. Charlie Chaplin als gepflegter junger Herr, ein Werbefoto seines Produzenten aus dem Jahr 1916, scheint gar nicht zu dem Tramp zu passen, der Millionen Zuschauer begeisterte. Auch Marlene Dietrich ist vertreten, in drei Stills des Filmfotografen Karl Ewald aus dem heute kaum noch bekannten französischen Film „Schiff der verlorenen Menschen“ von 1929.

Der Stummfilm wollte oft mehr sein als eine realistische Wiedergabe der Wirklichkeit und strebte nach expressivem Ausdruck, wie Franz Xaver Setzers kühne Aufnahme von Conradt Veidt in Paul Lenis berühmtem „Wachsfigurenkabinett“ von 1924 sinnfällig belegt: Veidts Hände krallen sich in die eigenen Schultern, aus dem dämonisch ausgeleuchteten Gesicht blickt ein aufgerissenes Augenpaar auf den Betrachter. Der junge sowjetische Film hingegen begeisterte sich für Technik und Experiment. Dziga Vertov, der den „Mann mit der Kamera“ erfand, trägt 1921 beim Selbstporträt eine Fliegerkappe als Bekenntnis zum Fortschritt. Fast zwanzig Jahre später, in einer Aufnahme von 1940, scheint der Zukunftsglaube geschwunden.

Ein Sonderling auch des Films war Karl Valentin. Fotografiegeschichte schrieb dagegen Lotte Jacobi (1896–1990), die den Kabarettisten Mitte der Zwanzigerjahre im Münchener Atelier des Vaters mit schrägem Zylinder und hohem Kragen aufnahm. 1935 musste sie nach Amerika emigrieren und setzte dort die Reihe ihrer eindringlichen Prominentenporträts fort. Vertrieben wurde auch der Schauspieler Peter Lorre, den Lusha Nelson 1935 für die Zeitschrift „Vogue“ in der Pose des von der Unterwelt gejagten Mörders in Fritz Langs „M“ von 1931 festhielt. Wie sehr das alte Bildverständnis die moderne Fotografie noch überlagern konnte, demonstriert der schwere Rahmen für das übergroße und nachgetönte Kopfbild des Napoleon-Darstellers Albert Dieudonné in Abel Gances großem Stummfilmtorso. Ein originelles Fundstück aus dem Filmlabor ist dagegen der kurze Kontaktabzug von vier Kameraeinstellungen in Hans Richters Kinoexperiment „Vormittagsspuk“ von 1926/27. Man sieht ein paar Hüte durch die Luft wirbeln und freut sich am schwerelosen Spiel der Fantasie.

Galerie Berinson, Auguststraße 22, bis 20. April; Dienstag bis Sonnabend 12–18 Uhr.

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