• Die Liaison von Lyrik und Naturwissenschaften hat Konjunktur - nicht nur bei Raphael Urweider

Kultur : Die Liaison von Lyrik und Naturwissenschaften hat Konjunktur - nicht nur bei Raphael Urweider

Volker Sielaff

Bei der Umfrage der Zeitschrift "Das Gedicht" nach den wichtigsten Lyrikern des vergangenen Jahrhunderts kam, bei den deutschsprachigen überraschend, Gottfried Benn auf den ersten Platz. Manche hatten Bertolt Brecht erwartet. Benn jedoch wurde von der hundertköpfigen Jury mit großem Vorsprung gewählt, und Brecht belegte, nach Paul Celan, erst Platz drei. Man könnte über solche Umfragemagie lächeln, könnte man dahinter nicht etwas vermuten.

Mit Gottfried Benn hielt die "szientistische Weltsicht" und deren Terminologie in die Dichtung Einzug. Dann schien dieser Faden lange Zeit gerissen, die Verlage druckten die "engagierte Lyrik" der 68er-Generation, die in der Tradition Brechts stand. Erst Durs Grünbein, mit seiner "Schädelbasislektion", hob den Faden wieder auf. Inzwischen gehört es beinahe zum guten Ton, auch in der Lyrik seine naturwissenschaftlichen Kenntnisse vorzuzeigen, die Feuilletons Blätter quittieren es zumeist mit Wohlgefallen. "Wie viel Körper auf wenigen Seiten", entfuhr es etwa dem Juror Iso Camartin 1995 gelegentlich seiner Laudatio auf den damaligen Peter-Huchel-Preisträger Durs Grünbein.

Spiegelung des Mondlichts

Das Terrain scheint unerschöpflich: Weltumsegelungen, elektrische Apparate, Teilchenbeschleuniger, Nebelkammern: Alles darf, alles muss bedichtet werden. Raoul Schrott tut es, mit poetischer Contenance und vitaler Bildhaftigkeit. Hans Magnus Enzensberger tut es, mit subversiver Heiterkeit und gedämpfter Ironie. Lavinia Greenlaw tut es, mit erzählerischer Leichtigkeit und jugendlicher Abenteuerlust.

Greenlaw beispielsweise entstammt einer englischen Wissenschaftlerfamilie. Das Repertoire ihrer Gedichte ist denn auch mehr "abgelauscht" als "angelesen" - was sie davor bewahrt, mit dem, was sie weiß, hausieren zu gehen. Das Thema ist zu ihr gekommen, sie hat es nicht suchen müssen. Ihr Zugriff ist vital, ein genau beobachteter Gegenstand wird konterkariert von der Befindlichkeit eines lyrischen Ichs. Ein Gedicht entstehe aus der "Reizbarkeit eines einzigen Irrläufers", hat Grünbein einmal gesagt. Es müsse "einen durchdrehen lassen", so Emily Dickinson.

Mit seinem Band "Tropen" hat Raoul Schrott vor zwei Jahren einen anderen wichtigen "Beitrag" zum Thema vorgelegt. Gleich auf den ersten Seiten zitiert der gewitzte "Alpenquerkopfquadratschädel" Schrott Niels Bohr: Es sei "falsch zu denken, dass die Wissenschaft herauszufinden hat, wie die Natur ist. Sie beschäftigt sich allein mit dem, was wir über sie sagen können." Das hätte so auch ein Künstler für sich reklamieren können. Wir steigen nicht nur nicht zweimal in denselben Fluss, sondern wir können auch nicht zweimal denselben Ort sehen. Man muss sogar fragen, was wir überhaupt sehen, solange wir nicht wissen, worin die Natur des Lichts wirklich besteht. In gewisser Weise ist Schrotts Ansatz weniger theoretisch als der Grünbeins. Während dieser nämlich bisweilen mit Natur wissenschaftlichen Termini bloß kokettiert, ist Schrott ein echter Augenmensch. Einer, der - wenn er etwa die Spiegelungen des Mondlichts auf den Wellen beschreibt (in "Physikalische Optik III") -, zwar um die Täuschung weiß, sich aber trotzdem den Blick nicht davon schleifen lässt. Wo Grünbein seine "linguistischen Bitter Pillen" schluckt, ist Schrott eher trunken an einer Überfülle des "Erhabenen". Und es geht ihm darum, mit seinen Gedichten "Orientierungen" zu schaffen, gleichsam eine "Optik, um mit den Dingen und der ihnen zugrundeliegenden, elementaren Wirklichkeit zu Rande zu kommen." - "Orientierung" und "Wirklichkeit" - zwei Begriffe, deren sich schon Günter Eich, in einem Kommentar von 1956, bediente. Eich: "Ich schreibe Gedichte, um mich in der Wirklichkeit zu orientieren".

Mit dem jungen Schweizer Raphael Urweider, der 1999 den Leonce-und-Lena-Preis erhielt und dessen erster Gedichtband "Lichter in Menlo Park" im Frühjahr bei DuMont erscheinen wird, hat der "szientistische Zweig" der Lyrik endgültig die Spiel- und Spaßgesellschaft erreicht. Hier ist nur noch die story der Auslöser des Gedichts und die Methode: pures Spiel. Da tauscht Johannes Gutenberg schon mal mit einem "zwinkernden winzer... druckreife news" oder man darf einmal "raten wie james watt / morgens seinen tea kocht". Warum eigentlich "tea" statt "Tee"?

Urweider bekennt, dass für ihn Lyrik "auch mit Humor zu tun hat". Seine Texte sind jedoch zweifellos da am überzeugendsten, wo er auf derlei Ingredienzien verzichtet und seiner Sprachtrance, dem schönen Parlando, das ihm auch eigen ist, traut: "wie wir vereinzelt auf blanke küsten treffen die pilzkulturen breiten sich unbemerkt aus / und verschwinden im nebel vor küsten wie etwa spuren in der erinnerung verschwinden wenn uns die ruhe antrifft nur die" (nur die ruhe). Aber Verse von so metaphysischer Geladenheit findet man sonst eher selten in Urweiders Debüt, der sein Material mehr aus Wörterbüchern schöpft, denn aus der eigenen Beobachtung. So lesen sich manche Texte auch wie aus angesammelten Sprachmaterial zusammengestellte Spielfiguren, die von keinen "Irrläufer" getrübt sind.

Zwischen Daumen und Zeigefinger

Die Idee, Kartographisches zu poetisieren, findet man im Übrigen schon bei der amerikanischen Lyrikerin Elizabeth Bishop, in dem Gedicht "The Map", überzeugend verwirklicht. An solchen Texten muss sich Urweider messen lassen, wenn er einen Zyklus "Kontinente" betitelt. Während bei Bishop das Gedicht über seinen Gegenstand hinaus wächst ("Die Halbinseln nehmen das Wasser zwischen Daumen und Zeigefinger / wie Frauen beim Befühlen der Meterware"), verrennt sich Urweider nur in öder Beschreibung: "kontinente seien keine inseln doch vollends umgeben von meeren nicht. landstriche aber landmassen / begrenzt somit sichtbar nur durch linien auf karte..." usf., das ist wenig originell.

Im 11. Jahrhundert dichtete der Talmudist Ha-Nagid Ibn Nagrila, den Raoul Schrott in seinem Band "Die Erfindung der Poesie" vorstellt sehr schön einfach: "An den himmeln und den sternen nehm ich maß/ schaue auf die erde und ihre kriechenden kreaturen/ und sehe wie alles noch im kleinsten ineinander passt". Das Beobachtete wird transzendent, indem der Autor es gleichsam durch sich hindurch gehen lässt. Es erschöpft sich nicht in der bloßen Beschreibung. Recht so. Sonst brauchten wir wirklich keine Gedichte.Raphael Urweider: Licht in Menlo Park. Gedichte. DuMont, Köln 2000. 120 Seiten, 34 DM.

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