Kultur : Die Lichtfrauen

Der afrikanische Regie-Meister Ousmane Sembene und sein klarer, kluger, heiterer Frauenfilm „Faat Kiné“

Silvia Hallensleben

Acht Frauen überqueren gemessenen Schritts einen modernen Stadtplatz in Dakar, während die Kamera sich langsam über Brunnen und Grünanlage erhebt. Am Körper farbenprächtige traditionelle Gewänder, auf dem Kopf knallbunte Plastikeimer. Dann Schnitt. Ein blitzblanker blauer Kleinwagen hält, um die Prozession vorbeizulassen. Drin sitzt Faat Kiné: Sie ist auf dem Weg zu ihrer Tankstelle, wo sie ein kleines Reich mit zwei Zapfsäulen und einigen Angestellten ebenso resolut wie wohlgelaunt verwaltet. Und die Tochter hat gerade das Abitur bestanden.

Auch sonst ist Kinés Leben eines im Mittelstand – mit Villa, eiskalten Drinks und Kübelpflanzen unter dem traditionalistischen Wanddekor. Doch es ist auch ein Leben unter dem Druck patriarchaler Traditionen. Die erfolgreiche Geschäftsfrau ist alleinstehend, beide Kindsväter haben sie verlassen, der eigene Vater hat sie bei der ersten Schwangerschaft aus dem Haus gewiesen.

Bedrückende Verhältnisse: Doch anders als in Europa werden die Spannungen offen ausgetragen. „Kolonial-Afrikaner“ ist da noch eine harmlose Beschimpfung. Doch nicht nur das: Auch die Vorzüge und Nachteile potenzieller Partner für Kiné werden von Kindern und Freundinnen samt Viagra und Religionszugehörigkeit durchdiskutiert. Erzählt ist das ebenso theatralisch im Detail wie beiläufig im Großen, mit viel afrikanischem Licht und einigen Rückblenden in die Dunkelflecken von Kinés Vergangenheit.

Fast zehn Jahre nach seinem Meisterwerk „Guelwaar“ legt der senegalesische Regisseur Ousmane Sembene mit „Faat Kiné“ den zweiten Teil seiner Trilogie des alltäglichen Heroismus („Héroisme au quotidien“) vor: einen Film, der bitter mit den Männergenerationen abrechnet, die die jüngeren Jahrzehnte Afrikas gestaltet haben. Ihre Mythen und sogenannten Lebensweisheiten schickt er dabei gleich mit in die Versenkung. Sembenes Männer sind Drückeberger und Versager, „Motzer, Philister und Moralapostel“, wie es Kinés Sohn dem spät auftretenden eigenen Erzeuger ins Gesicht sagt, der plötzlich Ansprüche auf patriarchale Ehrehrbietung stellt. Keine Frage: Der jungen Generation gehört die Hoffnung des 1923 geborenen Altmeisters des afrikanischen Kinos. Und den Frauen selbstverständlich, die mit Anmut, Würde, Witz und Humor die Lasten auf ihren Schultern tragen.

Ob es nun schlichter Broterwerb ist, der Umgang mit Aids oder Wucherzinsen – Kiné und ihre Freundinnen haben vor nichts Respekt. Sehr selbstverständlich kommt diese Frauenpower in diesem Film daher – also ist „Faat Kiné“ genau der richtige Film für all jene, die schon allzu oft unter männerlastigem Regie-Kino gelitten haben, und das sind sicher nicht wenige. Ousmane Sembene ist mit seinem Film etwas viel Schöneres gelungen als Übergröße: Kino auf Augenhöhe. Nur Vorsicht beim Mitverstehen: Die Bezüge in den Untertiteln sind manchmal nicht ganz korrekt.

fsk am Oranienplatz, Hackesche Höfe, Neue Kant Kinos (alle OmU)

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