Kultur : Die Liebe bleibt

Kleines Glück hinter der Mauer: Fotografien von Seiichi Furuya in der Wiener Albertina

Nikola Richter

Seiichi Furuya hat Glück gehabt. Kaum in Europa angekommen, trifft er Christine. Sie wird die Frau seines Lebens und Zentrum seines fotografischen Werkes. Die Wiener Albertina zeigt unter dem Titel „alive“ Fotos aus dreißig Jahren seines Schaffens – zum ersten Mal übrigens eine Albertina-Werkschau eines noch lebenden Fotografen. Nach dem Studium am Tokyoer „College of Photography“ verlässt Furuya seine Heimat Japan. Er will sich der Sprachlosigkeit aussetzen. Über Sibirien und Moskau reist er 1973 nach Wien. Furuya nähert sich dieser neuen Welt und der neuen Frau mit einem unverstellten Blick.

Die ersten Bilder von Christine entstehen 1978 in der Steiermark. Sie ist eine zierliche, knabenhafte Frau. Drei Monate später findet in Japan die Hochzeit statt. Das Paar zieht nach Graz, wo sich Furuya im „Forum Stadtpark“ engagiert, einer zeitgenössischen Künstlervereinigung, und sich für japanische Kollegen einsetzt. Doch bald wird die Liebe von Christines Depressionen überschattet. Sie muss immer wieder ins Krankenhaus. Bis sie 1985 aus einer Ost-Berliner Wohnung in den Tod springt. Erst danach beginnt Furuya, die nur mit Datum und Ort betitelten Fotos thematisch zu sortieren.

Die unterschiedlichsten Porträts – Christine liegend mit Blume im Gesicht, mit Ringen unter den Augen, nackt oder mit Goldkette vor der Blumentapete – stellt er zu einer Trauer- und Erinnerungsschau zusammen. Er nennt sie „Mémoires“. Der Tod, der den geliebten Menschen genommen hat, diese Auslöschung, ist zwar nicht darstellbar. Aber die Bilder von der verlorenen Person werden zu Reflexionen über Momenthaftigkeit und Vergänglichkeit. Für den Katalog zur Ausstellung erhält Furuya 1990 den Preis der Photographischen Gesellschaft Tokyos.

Das Unbeständige bestimmt seit seiner Ankunft in Europa sein Leben. Es führt ihn in europäische Metropolen, entlang von Staatsgrenzen oder der Berliner Mauer: leere, trostlose Häuserzeilen in der Wolliner Straße, am Alexanderufer, am Falkplatz, abgeschnitten vom natürlich gewachsenen Stadtbild. Ein Blick, der nicht ankommt, sondern einer, der immer wieder loslässt. Man könnte Furuya Beliebigkeit der Motive vorwerfen, wäre da nicht sein Blick: die genaue Beobachtung. 1980, in Amsterdam, hält Furuya die Kamera auf Gürtelhöhe. Er schießt die Fotos wortwörtlich aus der Hüfte. Die so festgehaltenen Ausschnitte sind intensiver und näher am Leben als Schnappschüsse, weil sie das Zufällige betonen. Der Bauch einer Frau, an dem die Hosennaht fast aufplatzt. Der Mann, der sich am Schritt kratzt. Verbissene Passantengesichter. Der Moment, in dem sich plötzlich etwas zeigt, ist zwar willkürlich gewählt, wird aber konkret. Er ist nichts als einfach da.

Um Furuyas „Dokumente“ zu beschreiben, nähert man sich am besten über zwei große Themen: die Liebe und den Tod. Nachdem Furuya im Jahr 2000 eine schwere Krankheit besiegt hat, erschließt sich ihm das Leben in einer neuen Tiefe. Er fotografiert Blumen und Gärten, darin tote Tiere. Ein toter Hase, eine Hommage an Dürer.

Und hier ist der, der auszog, um Japan zu verlassen, auf einmal wieder ganz nah an taoistischen Traditionen. Die Blumenkunst, mit der früher buddhistische Altäre geschmückt wurden, ist Teil eines Totenkultes. Miniaturgärten galten als Wohnstätten für die Seelen der Ahnen. Und nicht von ungefähr ist das kunstvolle Arrangieren von Pflanzen, das Ikebana, eine Zen-Meditationstechnik, in der Nichtsein und Sein intuitiv erfasst werden sollen. So dass die Liebe, die nicht mehr ist, wieder sein kann. Und bleibt. Wie die Fotos.

Albertina Wien, bis 29. August. Katalog im Scalo Verlag (Zürich), 29 €.

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