Kultur : Die Liebe im Heu

Heimatfilm im Wettbewerb: „La vida que te espera“

Merten Worthmann

Wo der Bergwind weht, wo man die Kühe beim Vornamen nennt, wo man Liebe macht im Heu und wo Traditionen unverbrüchlich gelten, da ist man: beim Heimatfilm. Bei einem wettbewerbstauglichen Heimatfilm darf man erwarten, dass die Traditionen zumindest einer schweren Prüfung unterzogen werden. Wenn aber nun die aufrechten Bergler nur noch so wenige sind, allseits bedrängt von der Zivilisation– dann sollte die Prüfung vielleicht nicht gar so hart ausfallen.

Manuel Gutiérrez Aragón setzt gleich zu Beginn von „La vida que te espera“ ein paar Sätze ins Bild, die die Abgeschiedenheit der Pasiegos im kantabrischen Hinterland erläutern. Dann wird’s konkret. Ein ultrastörrischer Altbauer hat einem mittelstörrischen Bauern aus Bösartigkeit die junge Tochter weggesperrt. Der Streit zu dritt endet mit dem Tod des Ultras. Es war Notwehr, aber Vater und Tochter gehen nicht zur Polizei. Nun kommt der Sohn des Verstorbenen, ein Abtrünniger, aus der Stadt zurück, um nach dem Rechten zu sehen. Bevor er den Tätern auf der Spur ist, hat er die Witterung der Tochter aufgenommen.

Jetzt beginnt ein Spiel zwischen Fluchtgedanken und Verdachtsmomenten, in dem die Figuren mit ihren Ängsten und Sehnsüchten kämpfen, mit ihren Sitten und Instinkten hadern. Manche Schlinge des Drehbuchs ist geschickt gelegt – leider merkt man das erst, wenn der Film nach 100 Minuten zu Ende ist und man ihm guten Willens ein wenig nachhängt. Denn während das Drama noch seinen Gang geht, fällt vor allem dessen Richtungslosigkeit auf, seine Halbherzigkeit. Gutiérrez, der Kantabriens letzte Hinterwäldler mag, verkneift sich eine Geschichte, die zum Ausbruch aufstachelt. Er mäkelt an der Verbohrtheit der Dörfler herum, aber nur ein bisschen. Er öffnet dem Freiheitsdrang eine Pforte, aber kein Tor. Er facht die Leidenschaft an, aber inszeniert sie ohne Gefühl.

Gutiérrez Film gerät früh ins Stocken und kommt nie in Fahrt. Juan Diego (der Vater) und Luis Tosar (der Städter), zwei der bekanntesten Kino-Vierschröter Spaniens, knarzen höchstens mit halber Kraft. „La vida que te espera“ wird keinen Preis gewinnen. Manuel Gutiérrez Aragón ist trotzdem stolz. Denn er hat es bereits zum siebten Mal in den Wettbewerb geschafft. Manche Traditionen sollte man wirklich einer rigorosen Prüfung unterziehen.

Heute 22.30 (Berlinale-Palast), morgen 9.30 und 18.30 Uhr (Royal)

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