Kultur : Die Liebe ist eine Baustelle

In New York wird Amy Sillman gefeiert – jetzt hat die Malerin ihre erste Ausstellung in Berlin

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Von Jens Hinrichsen

Es ist gelandet. Unsanft. Doch was ist das? Ein zum Wrack zerquetschtes Raumschiff? Die rosarote Umgebungsluft vibriert noch nach dem Aufprall. Vielleicht ist aber auch ein trauriger Monsterfisch ans Ufer gesprungen, dessen Schwanzflosse gefährlich um sich schlägt. Auch der Malerin selbst scheint diese Ausgeburt schwer kontrollierbarer Fantasie nicht geheuer. Gleichsam mit spitzen Fingern fasst Amy Sillman das gemalte Etwas an, wenn sie ihr Bild „Purple Thing“ nennt. Purpur, Türkis und Tannengrün: freundliche Farben, befremdliches Ding.

Amy Sillman betritt Neuland. Erstmals stellt sie in einer deutschen Galerie aus. Mit vier Gemälden (25 000 bis 45 000 Euro) ist ihr Kabinett bei Carlier/Gebauer einerseits spärlich, andererseits hochkarätig bestückt. Man wird Augenzeuge einer spektakulären Landgewinnung auf dem Feld der Malerei. Obwohl sich Sillman tradierter malerischer Formeln bedient, ist sie eine Erneuerin, keine Eklektizistin. Jenseits kühl kalkulierter Gegenständlichkeit demontiert sie das Gesehene, um eine innere Wirklichkeit freizuschaufeln.

Die von Kollegen hochgeschätzte, in Europa praktisch unbekannte 51-Jährige galt lange als Spürhund im „New Yorker Malerei-Bergwerk“ – so die Kuratorin Linda Norden. Sillman habe malerische Grenzen aufgesprengt. Kategorien wie „abstrakt“ und „figurativ“ sind Sillman egal, inhaltlich vermengt sie persönliche Erfahrung mit Popkultur, Philosophie oder Psychoanalyse. Nach einer aufsehenerregenden New Yorker Galerie-Ausstellung 2006 bei Sikkema Jenkins & Co. und einer ihr gewidmeten Titelstory im aktuellen „Artforum“-Heft scheint die Künstlerin nun am Wendepunkt einer internationalen Karriere.

Sie bleibt gelassen. „I see myself as a Jewish folk artist“, untertreibt Sillman, Tochter einer jüdischen Familie aus Detroit, die Mitte der Siebziger eher zufällig in eine New Yorker Malklasse geriet. „Ich stellte fest, dass es noch andere Mädchen gab, die schwarze T-Shirts trugen, Sartre lasen und Depressionen hatten“, erinnert sich Sillman, die das Stadtneurotiker-Klischee „eigentlich ganz amüsant“ findet. Heute erklärt sie ihren dialektischen Malprozess, der mitunter sprunghaft wirken kann, mit ihrem Interesse für Freud und Gesprächstherapie. Wo die Künstlerin in ausladenden Pinselgesten schwelgt, Farbe kleckern, dann zu knochigen Graten trocknen lässt und mit brachialem Spachtel teils wieder abschabt, ist eine Nähe zum Abstrakten Expressionismus spürbar. Eine Mal-Berserkerin?

Überhaupt nicht. Vorwärts drängende Gesten werden von Übermalungen abgebremst. Das Nachdenkliche, Zögerliche hat seinen Platz. Manchmal schnürt Sillman einen (farblich verführerischen) Bildraum regelrecht zusammen – etwa im Fall des Ölbildes „Untitled (complex space)“ von 2007. Beim Betrachter evoziert sie damit eine seltsame, in der Malerei ungewohnte Empfindung von Verlegenheit. Vor Amy Sillmans Bildern schlägt man manchmal die Augen nieder.

Die Künstlerin selbst schwankt zwischen Empathie und Scheu, wenn sie befreundete Paare bittet, sich aufs Bett zu legen und in dieser intimen Situation zeichnen zu lassen. Schon die Skizzen sind eher Gefühlsnotate denn realistische Schilderungen. Sillman zielt dabei auf eine „Unbeholfenheit“ im Ausdruck .

Das große Ausstellungsbild „Munro and Youna“ (2007) zeigt keine Spuren des titelgebenden Paares mehr, vielmehr öffnet sich ein abstrakter Raum. Wo sich Tiefenlinien ineinander verkeilen, blitzt die abstrakte Idee einer Umarmung auf. Doch Begegnung und Begehren sind in Sillmans Bildwelten zwiespältige Momente. Die Gefühlsbaustelle von „Munro and Youna“ wird von gleißendem Licht beschienen und gleicht doch einer schmutzig grauen No-Go-Area. Man könnte von einem euphorischen Traum sprechen, der von Trübsinn verdunkelt wird. Sillmans Bilder erinnern an Selbstgespräche, sind gemalter Gedankenfluss, Gedankenzickzack. „Wir alle laufen doch eigentlich mit diesem Durcheinander im Kopf herum“, sagt Sillman, „meine Gemälde sind Vorschläge an die Betrachter, ihr eigenes Wirrwarr zu erforschen.“

Galerie Carlier/Gebauer, Holzmarktstraße 15–18; Bis 7. April, Dienstag bis Sonnabend 11–18 Uhr

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