Kultur : Die Liebe ist eine U-Bahn

Der Doku-Film „Secrets of a Hollywood Star“ zeigt Hedy Lamarrs Leben

Christian Schröder

Der Film hieß „Ekstase“, der Skandal, den er im Jahr 1931 auslöste, war gewaltig. Ein paar Sekunden lang sieht man eine dunkel gelockte junge Frau durch einen See schwimmen. Das Anstößige: Sie trägt keinen Badeanzug. Der Auftritt gilt als erste Nacktszene in der Geschichte des seriösen Films. Die damals gerade 18-jährige Schauspielerin Hedwig Kiesler, die sich später Hedy Lamarr nannte, stieg zur weltweit verehrten „Sex-Göttin“ auf. MGM-Boss Louis B. Mayer nannte sie „die schönste Frau des Jahrhunderts“.

Lamarr selbst hielt den Ruhm eher für ein Missverständnis. Die Wiener Bankierstochter und Max-Reinhardt-Schülerin heiratete einen superreichen Waffenfabrikanten, floh mit einem Geliebten über London nach Hollywood und drehte Filme wie „Lady of the Tropics“, „Crossroads“ und „White Cargo“, die sie zum amerikanischen A-Star der Kriegsjahre machten. Doch die weiblichen Hauptrollen in „Casablanca“ und „Gas Light“ lehnte sie ab und erfand stattdessen, angeblich zusammen mit dem Avantgarde-Komponisten George Antheil nach dem Besuch einer Cocktail-Party, ein Leitsystem für den funkgesteuerten Abschuss von U-Boot-Torpedos. Ein abenteuerliches Leben.

„Du bist unglaublich. Kannst du meine Liebe hören?“ – „Ich höre dein Herz schlagen.“ – „So schnell wie das Rumpeln einer U-Bahn?“ – „Schneller!“ Dialogfetzen aus dem Film „Algiers“, die in der Dokumentation „Hedy Lamarr – Secrets of a Hollywood Star“ immer wieder aus dem Off eingeblendet werden.

Das Leben der Diva, die im Jahr 2000 halb vergessen in Florida gestorben ist, hat bereits mehrfach das Interesse von Biografen geweckt. Der Filmkritiker Peter Körte widmete ihr noch kurz vor ihrem Tod ein Buch, vor zwei Jahren kam der österreichische Dokumentarfilm „Calling Hedy Lamarr“ heraus.

„Secrets Of A Hollywood Star“ nähert sich den Geheimnissen der Schauspielerin, ohne ihren Mythos zerstören zu wollen. In den Off-Texten ist in akademischem Jargon von der „Dynamik der Sex Bomb“ und Lamarrs „Frequency-Hopping“ – dem Geniestreich ihres Torpedo-Patents – als Prinzip ihrer Selbstinszenierung die Rede. Weitaus interessanter sind die Interviews, die die Filmemacher Donatello Dubini, Fosco Dubini und Barbara Obermaier mit Angehörigen und Weggefährten von Lamarr geführt haben. Der alte MGM-Kinderstar Mickey Rooney sitzt auf seinem Sofa und schwärmt: „Was für eine schöne Frau sie war!“ Und Skandal-Filmer Kenneth Anger erzählt von dem heruntergekommenen Apartment, in dem Lamarr in den achtziger Jahren in New York hauste: „Sie lebte in ihrer eigenen Traumwelt.“ Der Abstieg des Stars hatte mit dem Ende des MGM-Engagements begonnen, später stand sie als Ladendiebin vor Gericht. Anrührend sind körnige Fernsehbilder aus den siebziger Jahren, in denen Hedy Lamarr ankündigt, bald nach Österreich zurückzukehren, um wieder zu drehen. Sie spricht mit Wiener Akzent und wirkt noch immer mädchenhaft.

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