Kultur : Die Liebe zu Spiegeleiern

KATRIN BETTINA MÜLLER

Kaum eine zweite Malerin war im Nachkriegsdeutschland so bekannt.Generationen von Schülern haben mit Paula Modersohn-Becker im Lesebuch erste Bekanntschaft geschlossen.Tief hat sich der suchende Blick ihrer Selbstbildnisse ins Gedächtnis gegraben.Fast jeder kennt die Geschichte vom frühen Tod der Malerin im Kindbett, die als Subtext aus der Rezeption ihrer "Mutter und Kind"-Bilder nicht mehr wegzudenken ist: weibliches Künstlertum um die Preis des Leidens.Dieses Klischee verstellte lange den Blick auf die Modernität und lakonische Sachlichkeit von Paula Modersohn-Becker.Oft verraten ihre Arbeiten auf Papier mehr von der bewußten Auseinandersetzung mit Impressionismus, Jugendstil und der Worpsweder Suche nach einer neuen Ursprünglichkeit der Kunst als ihre Gemälde.Eine Ausstellung, die die Kunsthalle Bremen zusammen mit der Paula Modersohn-Becker-Stiftung erarbeitet hat, läßt ihre Entscheidungen für Kontur und Flächigkeit als ein Suchen nach Genauigkeit, knapper Kalkulation der Mittel und Verzicht auf jeden Effekt des Virtuosen verfolgen.In Berlin stellt das Käthe-Kollwitz-Museum die Auswahl der 146 Blätter vor.1000 Zeichnungen und 750 Gemälde umfaßt das Werk der Malerin, das in nur acht Jahren entstand.

Unsentimental und ohne Verklärung von kindlicher Unschuld wirken ihre kantigen Mädchenakte aus Worpswede (1899).Man muß gar nicht erst das Blatt mit dem eingezeichneten Skelett sehen, um ihr Interesse am inneren Aufbau des Körpers, am harten Kern des physischen Seins, zu spüren.Gerade der nichts außer sich selbst repräsentierende Körper der Kinder erlaubte, den Akt von allen Projektionen und Idealisierungen zu befreien.Mit der gleichen Hartnäckigkeit studierte die junge Malerin die eigene Physiognomie.Ihre vielen Selbstportraits verraten nicht nur eine monomanische Selbstbefragung, mit der sie sich der eigenen Ziele als Malerin und Ausnahme im männlichen Künstlerzirkel immer wieder vergewissern mußte, sondern sie bezeugen auch ihr pragmatisches Festhalten am Naheliegenden.Im Selbststudium fand sie alles, was sie an der Malerei interessierte - von außen gesetzte Bedeutungen brauchte sie nicht.

Die größte Überraschung bietet die Ausstellung allerdings mit kleinen Gouachen und Ölstudien, die von den bekannten Themen abweichen.Eine ungewohnte Farbigkeit mit beinahe expressivem Duktus zeigen zwei kleine Interieurs mit tanzenden Lichtflecken auf den Wänden, 1897 noch während der Ausbildung an der Malschule des Vereins der Berliner Künstlerinnen entstanden.Eine unvermutete Leichtigkeit steckt in den schmalen Gouachen, auf denen sie in Worpswede 1899 Hühner auf der Stange und Musiker auf einer Empore festhielt.Dieser Erzählfreude begegnet man noch einmal in den Kohlezeichnungen ihrer letzten Paris-Besuche 1905/1906: Marktfrauen vor dem Eiffelturm, Reisende im Pferdeomnibus, Menschen am Seineufer.Eine fast ländliche Beschaulichkeit prägt ihre Skizzen der Großstadt.

Ihren unprätentiösen Blick auf das Gegenwärtige kann der Besucher des Kollwitz-Museums nach einem Gang über die Fasanenstraße in der Kunsthandlung Wolfgang Werner weiterverfolgen.Denn Werner zeigt neben weiteren Zeichnungen 20 Gemälde.Zu den 15 Leihgaben dieser engagierten Galerie gehört ein kleines "Stilleben mit Spiegeleiern" (1905), das in der Bescheidenheit des Sujets und der mundwässernden Leuchtkraft der Dotter fast ein Bekenntnis enthält: die malerische Ausdruckskraft in der einfachsten Form zu suchen.

Käthe-Kollwitz-Museum, bis 10.August.

0 Kommentare

Neuester Kommentar