Kultur : Die Liebe zum großen Format

Zum 70. des Künstlers Markus Lüpertz

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Als sein Herkules auf das 90 Meter hohe Gelsenkirchener Zechendach gehievt wurde, da war es fast so, als würde sich der Künstler selbst nach oben befördern. Die kolossale Skulptur, 19 Meter groß, ein Beitrag zum Kulturhauptstadtjahr des Ruhrgebiets, kratzt an den Himmel. Das will Markus Lüpertz auch: immer besser werden, nach oben streben. Er sagt, er ist ein Genie, also ist er es auch. So deutlich sichtbar sein Herkules seitdem Wind und Wetter trotzt, so sehr ist Lüpertz mit Selbstbewusstsein gesegnet. Und muss oft mit Gegenwind rechnen.

Die große Geste, die großen Formate sind dem Maler, Bildhauer und Grafiker von Anfang an zu eigen. In den 60er Jahren zieht Lüpertz nach West-Berlin und schreibt hier sein Manifest der „dithyrambischen Malerei“, eine Huldigung des Dionysos, dem Gott der Ekstase. Zu der Zeit dominiert die abstrakte Kunst, Lüpertz setzt das Expressive und Figürliche dagegen. Bis 1977 entstehen die sogenannten „deutschen Motive“: Stahlhelme, Fahnen, Schaufeln. Das Pathos dieser großformatigen Stillleben zwingt zur Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Gleichwohl betont Lüpertz, kein politischer Künstler zu sein. Später setzt er sich in seiner Malerei mit Vorbildern aus der Kunstgeschichte auseinander, mit den klassischen Gattungen wie Akt, Porträt, Stillleben und Landschaft. Provozieren möchte er nicht.

Tut er aber doch. Vor allem seine grotesken Skulpturen im öffentlichen Raum ecken an, denn sie entsprechen so gar nicht dem Schönheitsideal von Gottheiten und Ikonen. Seine Mozartfigur in Salzburg, ein einarmiges Mischwesen aus Mann und Frau, wurde 2005 gelackt und gefedert. Eine knubbelige Aphrodite konnte in Augsburg nach Bürgerprotesten nicht dauerhaft aufgestellt werden.

Dennoch gehört Lüpertz, mit den Eltern aus Böhmen geflohen und im rheinischen Rheydt aufgewachsen, zu den bedeutendsten Künstlern Deutschlands. In Teltow, mitten in einem Neubaugebiet, hat Lüpertz sein Atelier, eine riesige Halle. Seine Werke finden sich im Kanzleramt und im Bundesgerichtshof, er gestaltet Kirchenfenster und Bühnenbilder. Oft wird seine Kunst jedoch überlagert – von Lüpertz selbst.

Er ist ein wacher Redner, seine Erscheinung eine Schau. Die Markenzeichen des Malerfürsten: Ohrring, Einstecktücher, ein Gehstock mit silbrigem Totenkopfknauf. Als Direktor der Düsseldorfer Kunstakademie bezeichnete er sich selbst als „Meister“; seine Studenten nannte er „Schüler“. Sie sollten ihn bewundern, nur so könnten sie von ihm lernen. Bis 2009 war er im Amt, mehr als 25 Jahre lang; etliche Professuren besetzte er mit großen, internationalen Namen wie Jörg Immendorff, Albert Oehlen, A. R. Penck, Jeff Wall oder Peter Doig. Er musste sich aber auch den Vorwurf gefallen lassen, dass er die Fotografie und die neuen Medien vernachlässige und die klassischen Fächer Malerei und Bildhauerei bevorzuge.

„Der Künstler ist das Beste, Schönste und Großartigste, was die Gesellschaft hat“, hat Lüpertz einmal gesagt. Er wolle in den Menschen Blumen erblühen lassen. Das sei sein Auftrag. Am Ostermontag feiert der Malerfürst seinen 70. Geburtstag. Anna Pataczek

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