Kultur : Die Liebe zum kleinen Büro

FRANK PETER JÄGER

Friedrich Achleitner, Kenner der österreichischen Architektur wie kein zweiter, mußte seine Stimmbänder immer wieder mit einem Schluck Wasser befeuchten, um den Wettlauf mit den Dias verbal zu gewinnen: "Einhundert Jahre Architektur aus Österreich in fünfzig Minuten", warnte er sein Publikum, "das geht nur im Telegrammstil".Östereichischer "Architektursonntag" in der Akademie der Künste am Hanseatenweg - eröffnet wurde mit Achleitners Vortrag eine Architekturschau, die einen Bogen vom legendären Otto Wagner bis hin zu Gegenwartsarchitekten wie Gustav Peichl schlagen soll.Achleitners Vortrag gelang das, der Ausstellung gelingt es leider weniger.

An der Wiener Architektur des ausgehenden 19.Jahrhunderts kommt man nicht vorbei, will man die heutige Baukultur Österreichs begreifen."Das östereichische Bauen der Gegenwart" - so Achleitner - "ist das Ergebnis von Bewegungen und Gegenbewegungen, die wenige Jahre vor 1900 in Wien einsetzten." Nicht nur die Donaumonarchie, auch ihre Architektur hatte um 1900 ein "eskalierendes Sprachproblem" der Stile.Aus Stilvielfalt wurde ein "Maskenball der Stile." Josef Hoffmann und Adolf Loos beendeten diese Maskerade mit Bauten, deren Fassaden nackt und glatt waren.

"Architektur aus Österreich - Das zwanzigste Jahrhundert" - so der Titel der Ausstellung - umfaßt Arbeiten österreichischer Architekten aus der Zeit von 1898 bis 1998.Der historische Teil der Ausstellung war aus Anlaß der 1000-Jahr-Feier der Alpenrepublik bereits in Bonn zu sehen.Hinzugekommen ist eine Dokumentation zum Wirken österreichischer Architekten im Berlin der Gegenwart.

"Wir wollen mit der Ausstellung einmal die österreichische Architektur in Berlin zur Diskussion stellen", erläuterte Architekt und Kurator Gustav Peichl im Gespräch.Peichl selbst verwirklicht gerade sein drittes Projekt in Berlin, eine Kindertagesstätte für den Deutschen Bundestag am Spreeufer.

Aus der angekündigten "Diskussion" ist eher ein "Smalltalk" geworden, denn den Anspruch des Ausstellungsmottos, 100 Jahre österreichische Architekturgeschichte widerzuspiegeln, kann die Schau nicht erfüllen.Gezeigt werden gut einhundert Fotografien der Werke von österreichischen Architekten und Architektinnen aus den letzten 100 Jahren.Was nicht zu sehen ist, sind die Werkgeschichten, sind Skizzen oder unverwirklichte Bauten.Erläuterungen zu den ausgewählten Bauwerken fehlen ebenfalls.

Gibt es etwas, das über das zurückliegende Jahrhundert hinweg Spezifik und Kontinuität österreichischer Architektur ausmacht? Für Peichl sind das die Fähigkeit und Neigung, "kleinmaßstäblich, menschbezogen und sinnlich" zu bauen, mit der Liebe zum Detail und zur Gestaltung von Einzelproblemen an einem Haus.Auch sieht er bei seinen östereichischen Architektenkollegen eine Sensibilität ausgeprägt, mit ihrem Haus Bezug zu nehmen auf die Umgebung des Bauplatzes.Die zeitgenössischen Bauten von Österreichern in Berlin scheinen über diese Stärken zu verfügen, auf je eigene Weise: Während sich Peichls Kindertagesstätte flach in die Uferböschung der Spree schmiegt, strebt Helmut Richters Stadtrand-Wohnhaus auf filigranen Stelzen gen Himmel.Die ellipsenförmigen Bürotürme, die Gunther Wawrik und Lucia Behringer nahe der Jannowitzbrücke bauten, richten ihre Schauseite demonstrativ Richtung Spreeufer und Stadtbahn.

Fast allen der Bauten gelingt es, eine Beziehung zu ihrer Umgebung herzustellen.Bei dem Komplex der von Palisaden umstellten nordischen Botschaften geschieht das durch gezielte Abgrenzung zum urbanen Niemandsland des Tiergartenrandes.Die introvertierte Insel von Alfred Berger und der Finnin Tiina Pakkinen gehört zu den eigenwilligsten Beispielen neuer Architektur in Berlin.

Anfangs- und Endpunkte der Ausstellung zeigen das Bauen an Zeitenwenden - die Architektur Wiens um 1900 und das Bauen in Berlin kurz vor dem Jahr 2000.Vielleicht hätte eine Chance der Ausstellung darin gelegen, die Frühmoderne der Wiener Jahrhundertwende und die Bauten von Österreichern in Berlin an der Schwelle zum 21.Jahrhundert einander gegenüberzustellen.Doch statt die Werke miteinander in Beziehung zu setzten, bleibt es bei den chronologisch aufgereihten Fotografien.

Kontinuität lassen die durch die Jahrzehnte ausgewählten Architektur-Beispiele auch darin erkennen, daß die österreichischen Baumeister der architektonischen Grundströmung ihrer Zeit wohl immer eine Spur freier und undogmatischer folgten als etwa ihre deutschen Kollegen.Architektenhandschrift ging vor Zeitstil.Heute, da es eindeutige Leitbilder nicht mehr gibt, fällt es österreichischen Architekten deshalb wohl leichter, immer wieder eigene, schlüssige Formen für ihr Bauen zu finden.

Auf der "Baustelle Berlin" sind sie in erster Linie mit kleineren Projekten vertreten.Auch das hält Peichl für mentalitätsspezifisch: Österreichische Architekten arbeiteten lieber in kleineren Büros, an überschaubaren Projekten."Die Architekten am Potsdamer Platz, das sind die Elefanten, die Nashörner und Tiger - die Österreicher sind eher die Schmetterlinge." Auch sieht er in den Arbeiten seiner österreichischen Kollegen viel Sinn für Verspieltes und Irrationales."In Deutschland ist man rationaler, will alles berechnen können." Die Zwischenfrage eines Zuhörers schien Peichl zu bestätigen: Wo denn in dem verglasten, auf dünnen Stelzen schwebenen Haus von Helmut Richter Platz für die Toiletten und die dazugehörigen Fallrohre sei, wollte dieser wissen."Wie schön! An solchen Fragen erkennt man, daß man in Berlin ist", antwortete Peichl mit der Ironie des Wieners.

Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, Tiergarten, bis 3.Januar 1999, Dienstag bis Sonntag 10-19 Uhr, Montag 13-19 Uhr.Katalogbroschüre 12 DM.

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