Kultur : Die Liebe zur Zecke als solcher - Im Berliner Eiszeit-Kino

Kerstin Decker

Bis gestern gab es die "Philosophie im Kino". Im "Central". Egal ob Rousseau, Heidegger, Nietzsche, Blumenberg - jeder Philosoph dauerte nicht mal eine Stunde. Wir erinnerten uns sofort solch verdienstvoller Bücher wie "Der ganze Aristoteles an einem Abend" und wussten, dass die Zeit reif ist für eine völlig neue Philosophie - die Philosophie der Kürze.

Nun kommt das "Eiszeit". Das "Eiszeit" hat was gegen Schnelldenker. Wahrscheinlich glaubt es, dass man Philosophen in einer Welt der Schnelldenker daran erkennt, dass sie so langsam denken. Philosophen, das sind die Langsamen im Geiste. Das "Eiszeit" beschloss außerdem, der Tatsache Rechnung zu tragen, dass die Philosophie, wenn sie eine ist, von Ewigkeit zu Ewigkeit dauert. Sein Gilles Deleuze dauert 550 Minuten. Ein ganzes Gilles Deleuze-ABC.

Wer ist Gilles Deleuze? Ein transzendentaler Empirist. Ein transzendentaler Empirist ist ein Halb- oder Dreiviertelkantianer. Kant wollte rauskriegen, was die "Bedingungen aller möglichen Erfahrung" sind, Deleuze interessierte sich mehr für die Bedingungen aller wirklichen Erfahrung. Womit aber weder Kant noch Deleuze gerechnet haben, ist, dass kein Mensch wegen irgendwelcher Bedingungen von Erfahrung ins Kino geht, sondern nur wegen dieser selbst. Insofern sind alle Kinogänger bekennende Anti-Philosophen. Genau wie Deleuze! Denn Deleuze ist nicht nur Philosoph, er ist auch Cineast und Anti-Philosoph. Was in gewissem Sinne seine Vollkommenheit ausmacht. Man selbst und sein Gegenteil sein können! Viele Menschen schaffen nicht mal das erste.

Das "B" im Gilles-Deleuze-Alphabet heißt also einfach: "Boisson". Boisson, Getränk. Denn der philosophierende Cineast und Antiphilosoph war auch ein angelegentlicher Trinker. Kant hätte nie eine Philosophie des Alkoholismus schreiben können. Hegel schon eher. Aber nicht mal das Alphabet eines französischen Teilzeit-Alkoholikers (philosophisch trinken heißt, auch wieder aufhören können) fängt mit B an. "A" ist "Animal". Tier.

Ein Mensch, der weder Tiere noch Kinder mag, kann kein ganz schlechter Mensch sein, findet Deleuze. Er sitzt in seinem tiefen Sessel, Ende der Achtziger, gerade emeritiert, und sagt der jungen Frau, die sich die Worte seines Alphabets ausgedacht hat, warum er keine Hunde mag. "Was man den Hunden wirklich vorwerfen muss, ist, dass sie bellen." Das Bellen sei nun wirklich der dümmste aller Schreie. Hunde und Katzen sowie Menschen, die Hunde und Katzen haben, bereiten dem Philosophen tiefes Unbehagen. Das Haustierhafte überhaupt. Was wir brauchen, fordert Deleuze, ist die animalische Beziehung zum Tier!

Im Deleuze-ABC sehen wir nur Deleuze. In immer demselben Sessel, vor immer demselben Spiegel. 550 Minuten lang. Nur so aber erfährt man, was einen Denker wirklich fasziniert. Diese plötzliche Erregtheit und Hochgestimmtheit, als Deleuze über sein Lieblingstier spricht. Deleuzes Lieblingstier ist die Zecke. Wahrscheinlich, so unsere Vermutung, weil sie dem Ideal eines Philosophen am nächsten kommt. Die Zecke und der Philosoph haben eine Welt. Deleuze interessierte schon immer, wie Welten entstehen. Nichtphilosophen neigen oft zu der Annahme, der Mensch sei auf der Welt und das entbinde ihn von der Verpflichtung, auch eine zu haben. Ganz falsch. Viele Menschen besitzen keine Welt, sagt Deleuze. Das unterscheidet Menschen von Zecken. Die Welt der Zecke ist aus drei Reizen gemacht und doch in sich unendlich. Deleuze beschreibt nun die Zecken-Welt, kulminierend in dem Satz: "Die Zecke kann jahrelang warten, ohne etwas zu fressen!" Genau wie, idealiter, der Philosoph.

Und das ist dein Traum vom Leben?, fragt misstrauisch die Interviewerin, nun doch erschreckt vor soviel Emphase. Aber der Philosoph bleibt unbeirrt. Die Zecke habe ein Territorium. Und ein Territorium zu haben, das sei beinahe schon der Ursprung der Kunst. Für seine Kunsttheorie hat Deleuze mal das Wort "Deterritorialisierung" erfunden - möglich ist auch etwa "der Deterritorialisierte" - und er steht dazu. Ein wirklich guter philosophischer Begriff sei grundsätzlich hässlich und außerdem inexistent. Der Künstler, der Deterritorialisierte also, und die Zecke. Zwei, die auf der Lauer liegen. Oder kennt jemand eine bessere Definition des Tieres sowie des Künstlers?

Zwei Buchstaben erst. Fehlen noch C wie Culture, D wie Desire. I wie Idea, J wie Joy. M wie Maladie, Krankheit. P wie Professor. Natürlich dauert das 550 Minuten. Aber das "Eiszeit" traut uns nicht. Ab heute sehen wir jeweils nur 60. Vier Buchstaben täglich. Bis zu T wie Tennis und Z wie - Zarathustra, Zorro, Zen?

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