Kultur : Die lieben Belgier

Schluss beim Tanz im August: De Keersmaekers „Mozart/Concert Arias“

Sandra Luzina

Kaum hat Paola Cigna mit der berühmten Arie „Un moto di gioia“ begonnen, da kommt auch schon ein frecher Cherubino in Kniebundhosen auf die Bühne. Der Jüngling umschmeichelt die aparte Sängerin, haucht einen Kuss auf ihren Nacken und ist schon wieder verschwunden. Das Sopran-Necken wird in Anne Teresa De Keersmaekers Tanzstück „Mozart/Concert Arias“ öfters wiederholt, mit komischen Steigerungen. Die Aufführung im Haus der Berliner Festspiele ist ein ausgelassener Flirt zwischen Tänzern, Sängerinnen und Musikern. Nach manch schlimmer Klassikerbeschallung nun ein akustisches Fest: Die Compagnie Rosas wird live begleitet vom Deutschen Symphonie-Orchester, das unter Alessandro De Marchi gut gelaunt und wunderbar präzise aufspielt. „Mozart/Concert Arias“ wurde 1992 in Avignon uraufgeführt; anlässlich der Mozart-Geburtstags-Feierlichkeiten hat De Keersmaeker das Stück nun wieder neu einstudiert. Der muntere Klassiker bescherte dem Berliner Tanz im August ein glanzvolles Finale.

De Keersmaeker hat sich von der Heiterkeit Mozarts anstecken lassen. Geraubte Küsse, gespielte Seufzer und falsche Tränen: das Spiel der Geschlechter wird mit amüsiertem Blick geschildert. Die drei Sängerinnen beherrschen den Wechsel zwischen Koketterie und emotionaler Intensität. Die Choreografin kapriziert sich nicht allein auf Verführung und Verstellung, Frauenlist und Männerlust, sondern findet starke Bilder für das verzweifelte Liebessehnen. Auf der abschüssigen Bühne sieht man ein ausgelassenes Herumtollen und -rollen, Laufen und Fallen – und immer wieder Freudensprünge.

De Keersmaeker ist Stammgast beim internationalen Tanzfest. Überhaupt waren die Belgier sehr präsent beim Tanz im August. Dass der belgische Tanz inzwischen eine neue Phase erreicht hat, demonstrierte die Brüsselerin Mette Ingvartsen, Absolventin von De Keersmaekers P.A.R.T.S.-Schule. Die geschmeidigen Sexmaschinen in „To come“ ermöglichen einen anderen Blick auf Körper und Begehren. Ingvartsen war das herausragende Jungtalent eines Festivals, das nach anfänglichen Flops zulegte.

Zu seinem 18. Geburtstag hat das Festival viele seiner Lieben eingeladen: Künstler, die ihm seit langem verbunden sind, waren mit neuen Arbeiten vertreten. Auch die Etablierten gaben sich experimentierfreudig; wo sie sich aber den Themen der Zeit stellten, sind sie kläglich gescheitert. Mark Tompkins wollte sich am „Bösen“ abarbeiten – der theoretisch-historische Überbau, den er den lustig anzuschauenden Wrestlingkämpfen gab, verpuffte aber. Dass er selbst sich an einer schlechten Parodie einer Hitler-Rede versuchte, hat irgendwie keiner gemerkt. Die von Emio Greco heraufbeschworene Hölle ist ein kuscheliger Ort, wenn man an die politische Weltlage denkt.

Besonders die kleinen Formate beeindruckten. Dick Wong zeigt in „B.O.B. – The Final Cut“ , wie schwierig es ist, Tanz in Sprache zu übersetzen, und beleuchtet die Bewertung von Kunst durch Stereotype: Ist das schöner Tanz? Schwuler Tanz? Oder chinesischer schwuler Tanz aus Hongkong? Wong weiß, dass er den Missverständnissen nicht entkommt und spitzt sie vergnüglich zu – wie auch Tarek Halaby beim P.A.R.T.S.-Nachwuchsprogramm. Die Schwierigkeiten, seine Abschlussarbeit zu beenden, hängen mit seiner Identität als Palästinenser zusammen, erzählt er im Plauderton. Wie er, der bislang im Ausland lebte, in den israelisch-palästinensischen Konflikt verwickelt ist, ist ihm selbst unklar. Das Rollenspiel, in dem er den israelischen Soldaten spielt, bricht er genervt ab, sein Versuch, den „Suicide Performers“ beizutreten, scheitert. Tarek ist einfach zu nett – er schafft es dennoch nicht, alle Feindbilder wegzuräumen.

Düsternis (und Sinnverdüsterung) herrschte bei Boris Charmatz in „Régi“; zumindest die erste Hälfte mit Raimund Hoghe, dem früheren Dramaturgen von Pina Bausch, und Julia Cima war geradezu unheimlich und unglaublich fesselnd. Charmatz umkreist das Thema „Abhängigkeit“ und findet dafür starke Bilder. Für „Régi“ wurde eine obskure Maschine konstruiert, die zuerst das HAU2 zu zerlegen droht. An diesem Kran werden die Tänzer hoch- und hinuntergezogen. Wie die wehrlosen Körper an dem Metallarm baumeln, das erinnert an Goya oder an Folterbilder. Wer der Regisseur des grausamen Spiels ist, bleibt offen. Aber das Gefühl der Bedrohung war selten so greifbar.

„Mozart/Concert Arias“ noch einmal am heutigen Sonnabend, 20 Uhr, Haus der Berliner Festspiele.

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