Kultur : Die Liebenden von Malibu

Silvia Hallensleben

Gegensätze ziehen sich an, heisst es. Zumindest das Kino, speziell der Liebesfilm, lebt von der Spannung der Mesalliance: Stadtmaus und Landmaus. Der Prinz und Aschenputtel. Romeo und Julia.

Auch John Stockwells "Verrückt/Schön" macht da keine Ausnahme. Nicole ist eine verzogene Siebzehnjährige aus Malibu, Carlos ein Latino aus der Vorstadt. Die beiden treffen sich zufällig am Strand, wo Carlos mit seiner Clique rumhängt und Nicole anquatscht. Immerhin, sie gehen auf die gleiche Schule. Carlos ist dort nur über seine Leistungen und ein Austauschprogramm aufgenommen worden. Nicole dagegen verweigert sich dem Schulbetrieb und dröhnt sich lieber mit ihren Freundinnen zu.

Doch die Liebe trifft. "Ich bin gefährlich", sagt Nicole zu Carlos bei der ersten Begegnung, und sie meint das als Witz. Doch schon bald wird der Gefühlshunger des Mädchens wirklich zur Bedrohung. Nicole ist emotional obdachlos. Die Mutter hat sich irgendwann das Leben genommen, den Kampf um die Anerkennung des Vaters hat sie längst aufgegeben. Ihre Unsicherheit versteckt sie hinter forderndem Gehabe. Plötzlich also versäumt Carlos seine verwandtschaftlichen und schulischen Pflichten. Die Mutter verbietet den Umgang mit der weißen Schlampe. Doch Carlos hat hier erstmals eine Berufung, die das familiäre Pflichtgefühl übersteigt. Nur er kann Nicole die Hilfe geben, die sie braucht.

Das klingt verdammt nach Klischee. Doch der Film von den beiden ungleichen Kids unterläuft die gängigen Erwartungen. Ungewöhnlich präzise sind die Milieus gezeichnet. So ist es zwar nicht Rassismus, der Nicoles Vater, einen liberalen Kongressmann, dazu treibt, dem jungen Latino den Umgang mit seiner Tochter zu verbieten, sondern die Angst, dass sie den hoffnungsvollen jungen Mann vom rechten Weg abbringen könnte. Dennoch zählt er ihn erst einmal zum Hauspersonal, als er ihm vorgestellt wird.

Newcomer Jay Hernandez glänzt durch darstellerischen Minimalismus. Doch Kirsten Dunst stiehlt ihm die Schau - sie zeigt schleichende Verunsicherung ebenso präzise wie Ekstase, Delirium eingeschlossen. Gefilmt wurde an Originalschauplätzen in L. A., wobei auch viele Nebenrollen mit "Originalpersonen" besetzt wurden: Lehrer spielen Lehrer, eine Haushälterin eine Haushälterin, Jugendliche sich selbst.

Große Gefühle werden im Kino gerne beschworen. Selten aber können die Leinwandfiguren den emotionalen Raum füllen, den die Handlung vorgibt. "Verrückt/Schön" ist ein Liebesfilm, der seine Helden ernst nimmt, in der Liebe selbst, doch auch, indem er ihnen daneben andere existenzielle Konflikte zutraut. So ist diese Liebesgeschichte auch eine Sozial- und Familienstudie. Ganz ohne Sentimentalitäten geht es dabei natürlich nicht ab. Tränen fließen, und sie dürfen es auch.

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