Kultur : Die Lieder der Frau Bieder

ANDREAS KRIEGER

So eine Gelegenheit, die muß Josefine Bieder einfach beim Schopfe packen.Zuerst ist sie ganz schön erschrocken, die Requisiteuse, als sie das Licht angemacht hat und plötzlich vor Publikum stand.Sie will doch nur die Bühne aufräumen.Die Vorstellung heute fällt ja schließlich aus."Ich muß Sie bitten, zu gehen", sagt sie noch zu den Zuschauern.Doch die bleiben einfach sitzen.Während die Bieder - auf den Rückruf ihres Vorgesetzten wartend - ihre Stulle mampft, kommt sie ins Quasseln.Acht Jahren arbeitet sie schon als Requisiteuse.Aber eigentlich wollte sie immer Sängerin werden.Kostprobe gefällig? Da sitzt doch tatsächlich ein Pianist im Publikum, der sie begleiten will.Und noch bevor jemand nur ans Fliehen denken kann, setzt sich die Bieder eine riesige Yoko-Ono-Brille auf und singt: "Ich bin die Duse, ohne Geschmuse."

Auf der mit Möbeln, Pelzen und Porzellan vollgestopften Bühne des Theaters im Palais spielt Maria Mallé die Frau Bieder in blauem Arbeitskittel, schwarzen Leggins und mit einem Plastikschmetterling im Haar als eine dieser Plaudertaschen, die man freiwillig niemals kennenlernen möchte.Aber schon bald hat man die Requisiteuse ins Herz geschlossen, wie sie so minutenlang über die richtige Ernährung eines Mopses oder die Kunst des Verbeugens philosophiert.Und immer wieder singt sie kokette Lieder - über Männer, Frauen, Alkohol und Mozart.

Ursprünglich hatte Eberhard Streul "Die Sternstunde des Josef Bieder" als Solo-Revue für Otto Schenk geschrieben.Zusammen mit Regisseur Uwe Lohse machte die Mallé den Josef zur Josefine und ergänzte die Rahmenhandlung mit den Liedern von Friedrich Hollaender bis Franz Lehßr, mit denen sie einst als Star des Berliner Metropol-Theaters brillierte.Und sie glänzt immer noch, die Mallé, springt - von Pianist Jürgen Beyer einfühlsam begleitet - mit einem Wimpernschlag vom Wiener Schmäh ("Wo sind die Zeiten hin, als es noch gemütlich war in Wien?") ins derbe Berlinerisch.Und wenn sie "den Emil seine Hände nich verjessen" kann, läuft ihr sogar eine kleine Träne die Wange herunter.

Während Frau Bieder mit roter Feder auf dem Kopf, Staubsauger im Arm und dunklem, ungarischem Timbre noch die Csßrdßs-Fürstin zum Besten gibt, schleppt Bühnenarbeiter Stephan Marustzök schon die Möbel von der Szene.Die ist am Schluß leer, nur ein Brief liegt herum: die Entlassung.Frau Bieder liest, erschrickt.Dann grinst sie breit und streckt die Zunge raus.Die Bieder kriegt keiner unter.

"Die Sternstunde der Josefine Bieder" - sie ist vor allem auch die Sternstunde der unermüdlichen Maria Mallé, eine Liebeserklärung an den Beruf der Requisiteuse und die Rückkehr einer großen Show-Dame.

Theater im Palais, Am Festungsgraben 1 (Mitte) - weitere Aufführungen am

6.März, 20 Uhr, und 7.März, 16 Uhr

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