Kultur : Die Liedermacher

Jörg Königsdorf

beweist, dass man auch mit tiefer Stimme leiden kann In der Oper müssen sie meist die Schurken, Spielverderber oder düpierten Ehemänner spielen, während ihre Tenorkollegen ausgiebig schmachten und in herzzerreißenden Kantilenen ihr Leben aushauchen dürfen. Das ist auf Dauer natürlich frustrierend, und vielleicht haben die wichtigsten Vertreter der Bariton- Zunft auch deshalb das Kunstlied schon früh als Chance für die Feststellung ergriffen, dass man auch mit tiefer Stimme leiden kann. Bereits die erste Aufnahme des populärsten aller Liederzyklen, Schuberts „Schöner Müllerin“ beispielsweise, machte 1933 ein Bariton.

Auch bei den drei derzeit bekanntesten deutschen Bariton-Sängern spielt das romantische Kunstlied eine hervorragende Rolle: Dietrich Henschels neue Aufnahme „An den Mond“ (harmonia mundi) ist Schubert gewidmet, während Christian Gerhaher (BMG) und Matthias Goerne (Universal) die Tiefen von Schumanns Liedschaffen ausloten. Einen Teil seines Schumann-Programms stellt Goerne auch heute Abend im Kammermusiksaal vor, unter anderem Hits wie die „Widmung“ und die „Liebesbotschaft“. Ergänzt wird das Programm durch Ausschnitte aus Mahlers „Kindertotenliedern“ und „Des Knaben Wunderhorn“, am Klavier begleitet kein Geringerer als Christoph Eschenbach.

Die Neigung der Baritone zum Lied ist allerdings nicht nur ein deutsches Phänomen. Auch in Frankreich gibt es keinen einzigen berühmten Liedertenor, aber eine ganze Reihe berühmter Bariton-Kollegen. Der junge Stéphane Degout schickt sich jetzt an, diese glorreiche Tradition fortzusetzen. Bei seinem Liederabend am Donnerstag im Kammermusiksaal wird er Lieder von – logisch – Debussy und Ravel, aber auch von Brahms, Schumann und Schubert singen. In Berlin wurde Degout als Monteverdis „Orfeo“ bekannt, den er im vergangenen Jahr an der Staatsoper verkörperte. Übrigens eine der wenigen Rollen, in der ein Bariton ausgiebig leiden darf.

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