Kultur : Die Liederzerleger

Sie nennen sich Muttis Kinder, sie entstauben den A-cappella-Gesang. Jetzt tritt das Trio in der Bar jeder Vernunft auf.

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Geräuschvoll.
Geräuschvoll.

Krähen schreien, der Himmel graut, das Lagerfeuer zwischen den Hütten ist kalt, trotzdem hängt Holzfeuerung in der Luft. An so einem Januarmorgen wähnt man sich auf dem Bunkerdach im Monbijoupark irgendwo weit hinter Pawlowpetrowsksibirsk, aber nicht in Mitte zu sein. Kaum, dass sich der Anflug russischer Melancholie niedersetzt, steckt auch schon ein anmutiges Feenwesen seinen Kopf aus der Märchenhütte. Frau Graue? Sie hört auf den Ruf und bittet herein.

Fee ist die Weißblonde aber nicht, stellt sich drinnen bei der Theaterprobe heraus, sondern eine Prinzessin. Die auf der Erbse nämlich und als solche im gleichnamigen Märchen zu sehen. Wie auch als Schneekönigin in der neuen Produktion. „Das ist hier meine Arbeitsstelle und das Hexenkessel Hoftheater zugleich seit vielen Jahren meine Theaterfamilie“, sagt Claudia Graue. Deswegen haben sie und ihre Geschwister hier zum Treffen gebeten und nicht in der Bar jeder Vernunft, wo sie ab dem heutigen Freitag mit dem Programm „Zeit zum Träumen“ auftreten. Da stehen die Geschwister, die keine Blutsbrüder sondern Wahlverwandte sind, auch schon hinter einem und stellen sich mit Vornamen vor: Marcus (Melzwig) und Christopher (Nell), besser bekannt als Vokalensemble Muttis Kinder. Und weil bei Kindern eine gesunde Ernährung so wichtig ist, geht es jetzt rüber in die Gastrohütte – zu Pizza, Zigaretten und Glühwein.

Zehn Jahre ist es dieses Jahr her, dass sich die auf A-cappella-Festivals von Hamburg bis Taipeh und Kleinkunstbühnen von Berlin bis Winterthur gefeierte Formation gegründet hat. Da waren die drei allesamt Schauspielstudenten an der Hochschule für Musik und Theater Rostock. Zu DDR-Zeiten einst ein Ableger der Berliner Ernst-Busch-Schule, inzwischen eine unabhängige Uni mit rund 500 Studenten. Und eine mit einem künstlerisch und menschlich wertvollen Klima, wenn man Muttis Kinder so reden hört.

Am Anfang stand jedenfalls nicht der Masterplan, Teil der seit gefühlten zehn Jahren wieder mal heftig florierenden, weltweiten A-cappella-Bewegung zu werden. Da schütteln die Thirtysomethings heftig das Haupt. A cappella habe man sich ja schnell übergehört, findet Christopher Nell. Außerdem funktioniere ein A-cappella-Trio für ernsthafte Vertreter dieser Vokaldisziplin gar nicht, weil der klassische Chorsatz vier Stimmen hat – Sopran, Alt, Tenor, Bass. Und überhaupt sei das ein Genre, dem man zwar viel verdanke, aber eigentlich für sie die falsche Marke. „Wir wollten singen, und wir wollten was zu dritt machen“, sagt Marcus Melzwig. „Wir haben damit nur angefangen, weil wir nicht gut genug Instrumente spielen“, sagt Christopher Nell. „Wir singen und machen Geräusche und das nennen andere dann A cappella“, sagt Claudia Graue. Zum Glück. Sonst hätte Muttis Kinder nicht so viele Wettbewerbspreise in dieser Disziplin gewonnen. Und sonst wären die drei, gebürtig aus Leipzig, Kaufbeuren sowie Hagenow in Mecklenburg-Vorpommern ja niemals auf eine Konzertbühne in Singapur gekommen. Die Asiaten stünden total auf Vokalensembles, erzählen sie. Warum? Allgemeines Schulterzucken. Sicher ein Kollateralhype der Karaoke-Begeisterung.

Nun ist die Musik der Kinder zwar „Pop“ im Sinne von „populär“, aber eigentlich viel mehr intelligente Liedzerlegung und Neuerfindung. Von Nummern wie „Wicked Game“ von Chris Isaak, „Titties“ von Peaches, „Nothing Else Matters“ von Metallica oder „I Follow Rivers“ von Lykke Li, Schlagern von Gitte, bis zu einem traditionellen Gospel wie „Motherless Child“. Der erblüht – genauso wie „Halleluja“ von Leonard Cohen – im neuen Programm völlig unzerlegt, ernst und diszipliniert vorgetragen als melodischer dreistimmiger Satz. Aus „Bohemian Rhapsody“ von Queen macht Christopher Nell eine gesungene Theaterminiatur. „Gangsta’s Paradise“ von Coolio bauen Countertenor Nell, Mezzosopran Graue und Bariton Melzwig lässig und virtuos vom coolen Rap zum ironischen Kinderlied um. Und bei Jürgen Marcus’ Schlager „Eine neue Liebe“ stürzt sich Marcus Melzwig, der sonst meist als Rhythmusgruppe, sprich Kontrabassimitator besticht, beherzt in die Solistenposition.

All das hat Charakter, Witz und Klasse und findet – einer möglichst facettenreichen Akustik wegen immer vor einem bestimmten Mikrofon statt: dem Neumann U 87 AI, einem hochempfindlichen Studiomikrofon. Und ganz sicher erfüllt ihre Darbietung die musikalische Definition zeitgenössischen A-cappella-Gesangs, die einfach lautet: mehrstimmiger Gesang kleiner Vokalgruppen ohne instrumentale Begleitung.

Ursprünglich hieß der aus dem Italienischen stammende Begriff „A Cappella“ nämlich „im Stile der Kapelle“ und bezog sich noch in der Renaissance – der ersten Blütezeit mehrstimmiger Vokalmusik – auf Gesang, der durchaus auch von Instrumenten begleitet wurde, die eine Vokalstimme übernahmen. Im 19. Jahrhundert verschob sich die Bedeutung zum heutigen Verständnis. Und das 20. Jahrhundert hat aus dem Genre mit Barbershop- Gesang und Ensembles wie den Revellers, den Comedian Harmonists, Manhattan Transfer, den Kings Singers, Take 6 oder den Wise Guys Pop gemacht.

Die drei von Muttis Kinder, die nach der Schauspielschule alle Theaterengagements, meist in Berlin, angenommen hatten, haben sich 2010 entschieden, damit ihr Bühnenglück zu suchen. „Das Singen war uns wertvoll“, sagt Marcus Melzwig. „Es ist das, was wir eigentlich machen“, sagt Claudia Graue. Also hat sie sich beim Hexenkessel Hoftheater rar gemacht. Christopher Nell kündigte seine feste Stelle am Berliner Ensemble, wo er seither trotzdem als Tinkerbell in Robert Wilsons „Peter Pan“ und als Hamlet bei Leander Haußmann brilliert. Und dann haben sie 140 Konzerte in einem Jahr gespielt. Hat funktioniert. Zum Ensemblegeburtstag kommt in wenigen Monaten nun die erste CD. Mutti, über die nicht so recht was aus den Kindern rauszubringen ist, kann zufrieden sein.

Bar jeder Vernunft, 10. bis 19. Januar

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