Kultur : Die Linda-Legende

Porno in den Zeiten der sexuellen Revolution: der Dokumentarfilm „Inside Deep Throat“

Silvia Hallensleben

Wie sich die Zeiten ändern: Als der Berliner Presse unlängst „Deep Throat“ präsentiert wurde, saßen kaum zwei Dutzend Kritiker im Kino, um sich den legendären Sex-Skandalfilm der frühen Siebzigerjahre in Gänze anzutun. Bei Mel Gibsons Bibel-Skandalfilm „Passion Christi“ dagegen war selbst der Rang gut besetzt. Dabei gäbe es Grund zur Neugier genug. Schließlich ist „Deep Throat“ in Deutschland immer noch tabu; und die Pressevorstellung eine informative Geste des Verleihers vorm Start des US-Dokumentarfilms „Inside Deep Throat“, in dem die Regisseure Fenton Bailey und Randy Barbato Mythos und Realität einer Pornolegende analysieren.

Der Mythos: Das ist Linda Lovelace, die unübertroffene Königin der Fellatio. Eine Röhre von übernatürlichen, ja göttlichen Qualitäten. Und eine Popularität, die „Deep Throat“ bald zum Decknamen eines Washingtoner Spitzeninformanten avancieren ließ. Die Realität: Das ist eine junge Frau, die – nach eigenen Angaben – vom Ehemann mit Gewalt vor die Kamera gezerrt wurde. Ein Pornofilmer namens Gerard Damiano, der 25000 Dollar aus Mafiaquellen für sechs Tage Drehzeit bekommt. Und ein Kameraassistent, der als Hauptdarsteller einspringt, weil er über das notwendige Dauerstehvermögen verfügt. Das Einspielergebnis: mindestens 600 Millionen Dollar – für die Produzenten eine Goldgrube, die den ersehnten Einstieg ins Business erlaubte.

Das richtige Projekt zur richtigen Zeit: Die Umbruchstimmung der Jugendbewegung und die Krise Hollywoods hatten die Sexualität in die US-Kinos katapultiert. Erzählerisch machte der Porno seine ersten Gehversuche. Da kam es recht, wie Damiano die Hard-Core-Nummernschau mit selbstironischem Humor, Musik und einer ebenso schlichten wie zeitgemäßen Problemstellung zum Spielfilm aufmotzte. Künstlerischen Anspruch hatte das Ding auch noch: ein Zwitter aus Underground und Porno, der übermütig mit den genreüblichen Doktorspielchen hantiert und die sexuelle Revolution in pathetischen Metaphern und langen kopulativen Naheinstellungen zu aufjaulenden Gitarrensoli feiert.

Auch die Vielfalt erotischer Geschmäcker wird propagiert: Schließlich sitzt bei Heldin Linda laut Drehbuch die Klitoris im Hals, erst ein Arztbesuch mit anschließender Spezialtherapie bringt ihr die ersehnte Befriedigung. Das alles reichte damals, um auch die seriöse Presse für den Film einzunehmen, die „Deep Throat“ nicht nur lobte, sondern das einsetzende repressive Trommelfeuer dankbar weitertrieb. So wurde der Film zum Hype: Erstmals brachte er auch viele Paare ins Hard-Core-Kino, die ohnehin damals aufklärerisch den klitoralen Orgasmus entdeckten. Dass das Problem des weiblichen Begehrens in „Deep Throat“ ausgerechnet mit einer Praktik beantwortet wird, die zur bequemen Befriedigung männlicher Lust prädestiniert scheint, ist nicht nur eine bittere ironische Wendung des Films. Es markiert auch die Vertreibung aus dem kleinen Paradies anarchischer Zügellosigkeit, das die sonnige Filmwelt Floridas anfangs suggeriert: vom suchenden Ausprobieren zur harten Arbeit am erigierten Objekt.

„Inside Deep Throat“ sind solche interpretatorischen Überlegungen wohl zu verstiegen. Dafür lässt der Dokumentarfilm die abenteuerliche Produktionsgeschichte des Films mit hübschen Details ebenso Revue passieren wie die überhitzte damalige Rezeption. Ein Porno, der Millionen ins Kino lockt, wird auch von den Sittenwächtern scharf beobachtet. Wegen „Deep Throat“ landeten nicht nur Kinobesitzer und Produzenten vor Gericht, sondern auch Hauptdarsteller Harry Reemes musste sich wegen Verbreitung von Obszönitäten verantworten. Dabei lassen die Filmemacher in Sachen Meinungsfreiheit nie Zweifel daran, auf welcher Seite sie stehen – ihre liberale Haltung wirkt umso sympathischer, je bigotter die Biedermänner den moralischen Untergang beschwören.

Schade nur, dass die Dramaturgie dabei auf Überrumpelung statt Analyse setzt, auch ästhetisch. Im Vergleich zu den manchmal recht spröden Einstellungen des Spielfilms sehen die orgiastischen Schnittgemetzel von „Inside Deep Throat“ oft so aus, als wollte man mit visueller Dauererregung wettmachen, was an sexuellen Reizen fehlt. Attacken, die in der deutschen Fassung zudem akustisch bis zur Schmerzgrenze ausgekostet werden. Dazwischen werden von Larry Flynt über Norman Mailer bis Camilla Paglia die üblichen Verdächtigen zu den üblichen Statements vor die Kamera zitiert. Nur Bill Clinton fehlt, wohl der prominenteste Vertreter der Generation „Deep Throat“. Überhaupt bleibt die Frage nach dem mythischen Verhältnis der US-Psyche zum Blowjob ebenso knapp berührt wie das beunruhigende Schicksal der Hauptdarstellerin, die vor ihrem Tod 2002 mehrfach die Seiten im moralischen Kulturkampf wechselte. „Inside Deep Throat“ bleibt viel zu sehr auf den Kampfplatz Zensurdebatte fixiert.

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