Kultur : Die linke Hand

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SCHREIBWAREN

Jörg Plath über

eine tragische Untergeherin

Frauen bot die DDR nicht nur bessere berufliche Perspektiven als die BRD. Auch zur Heldin konnten sie viel eher werden. In der Literatur gab es neben Christa Wolf mindestens drei solcher Heroinnen: Inge Müller, die schmerzensreiche Lyrikerin und Ehefrau Heiner Müllers, Maxie Wander, die sensible Journalistin, sowie Brigitte Reimann, die Unbedingte und Ekstatische. Alle drei sind früh gestorben: Inge Müller durch die eigene Hand, Maxie Wander und Brigitte Reimann an Krebs. Die Frauen hatten in hohem Maße das Private öffentlich gemacht stets in der Hoffnung auf ein besseres Leben, wie es die DDR seit ihren Anfängen versprach. Als Wander 1974 und Reimann 1977 starben und Biermann 1976 ausgebürgert wurde, war der Elan des Aufbruchs gebrochen. Nun hieß, so Günter der Bruyn, Geborgenheit „die wirksamste Agitationsvokabel“.

Besonders Brigitte Reimann bot sich als Identifikationsfigur an. Unzählige Liebschaften, vier Ehen, ein unbändiger Lebens- und Liebeswillen, der nicht etwa von einem blühenden Selbstbewusstsein begleitet wurde, sondern von Versagensängsten: „Zweifel an meinem Beruf, meiner Tauglichkeit“, lautete eine ihrer letzten Tagebucheintragungen. Erst nach ihrem Tod erschien, was sie in zehn Jahren nicht fertigstellen konnte, ein Lebensroman, der sie postum berühmt machte: „Franziska Linkerhand“ (Aufbau) ist eine Architektin des Neuen Deutschlands. Sie verliebt sich unglücklich in einen intellektuellen Kipperfahrer, während sie Neustadt, für das Hoyerswerda Modell stand, miterbaut. „,Passen Sie auf Fräulein, jetzt kommen wir in das Gebiet des schwarzen Schnees.’ Schwarzer Schnee. Das beeindruckte sie, es klang wie ein Romantitel und erweckte in ihr Vorstellungen von einem finster schönen Land, und sie dachte mit dem Hochmut der Unbehausten an Django, den Seßhaften (Speck unter der Haut, Speck auf der Seele), während ihre Augen nichts anderes sahen als gelbbraun verfärbte Baumskelette, die Tümpel toter Gruben, die graue Schmutzschicht, den fetten Kohlenstaub auf den Kippen – und ihre Nase, misstrauisch schnüfflend, einen stechenden Geruch wahrnahm, der durch die Ritzen im Abteilfenster drang und, als sich der Zug Neustadt näherte, dicker, beinahe greifbar wurde, ein Höllengestank von Schwefel und faulen Eiern.“

Das Literaturforum widmet sich Brigitte Reimann anlässlich ihres 70. Geburtstags bis Freitag jeden Abend (20 Uhr): Heute wird nach einem Dokumentarfilm von Katharina Schubert, am Donnerstag nach dem Spielfilm „Unser kurzes Leben“ von Lothar Warnecke diskutiert. Am Mittwoch und am Freitag lesen Schauspielerinnen aus bisher unveröffentlichten Romanprojekten sowie aus den Tagebüchern „Ich bedaure nichts“.

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