Kultur : Die Linke muss den Krieg neu bedenken

Michael Walzer[lehrt politische Philosophie a],64[lehrt politische Philosophie a]

Michael Walzer, 64, lehrt politische Philosophie am Institute for Advanced Study in Princeton. Er gehört zu den Vordenkern der liberalen amerikanischen Linken. Die meisten seiner Bücher liegen bei Rotbuch und S. Fischer auch auf deutsch vor.

Die moralische Theorie des gerechten Krieges teilt sich in das "jus ad bellum", die Frage nach dem Recht, einen Krieg zu beginnen, und das "jus in bello", die Frage nach den legitimen Mitteln der Kriegsführung. Führen die USA derzeit einen gerechten Krieg?

Man muss zunächst zwischen dem Krieg gegen den Terrorismus und dem Krieg in Afghanistan unterscheiden. Beim "Krieg gegen den Terrorismus" benutzen wir "Krieg" als Metapher für Kampf, Entschlossenheit und Ausdauer wie bei einem politischen Unternehmen, etwa dem "Krieg gegen die Armut" oder dem "Krieg gegen Drogen". Diese Kriege haben wir verloren. Es waren keine militärischen, sondern komplizierte politische Projekte. Der derzeitige "Krieg" ist noch komplizierter, er besteht aus militärischen Maßnahmen, Geheimdienst-Aktionen, Polizeiarbeit, Diplomatie und ideologischer Arbeit. Die Theorie des gerechten Krieges ist darauf nicht anwendbar, man kann sie höchstens zum spezifischen Krieg in Afghanistan befragen. Ausgehend von den Informationen, die wir im Moment haben, neige ich dazu, diesen Krieg für gerecht zu halten. Was wir über den Terroranschlag und die Existenz terroristischer Ausbildungslager unter dem Schutz der Taliban zu wissen scheinen, rechtfertigt den Militärschlag.

Sind denn die Beweise für solche Lager ausreichend, um derart starke Schlussfolgerungen zu ziehen?

Ausreichend wofür? Vor Gericht würden sie wahrscheinlich nicht genügen, aber man sollte das amerikanische Vorgehen auch nicht als einen Versuch beschreiben, Osama bin Laden oder sonstwen vor Gericht zu bringen. Das Ziel des Krieges ist nicht rückwarts gewandte, retributive Gerechtigkeit, das Ziel ist und sollte die Verhinderung von weiteren Terroranschlägen sein. Die Vorschläge der Linken, etwa zu Polizeiarbeit und internationalen Institutionen, fragen nicht nach der Prävention. Viele Kritiker der amerikanischen Politik haben nicht verstanden, was am 11. September geschehen ist. Die erste Verantwortung einer Regierung ist es, das Leben ihrer Bürger zu schützen. Dazu sind Staaten da, ganz wie es bei Thomas Hobbes steht. Das ist es, was die amerikanische Regierung in Afghanistan tut und tun sollte. Und dafür ist der Standard der Beweislage ein anderer als vor Gericht.

Nun ist aber die militärischen Schläge das sichtbarste Element des metaphorischen Krieges gegen den Terrorismus. Sie betonen die Vorbeugung, doch viele Kritiker des Krieges in Afghanistan tun das auch. Provoziert die aggressive Geste des offenen Krieges womöglich mehr Terrorismus?

Wenn es schlecht läuft, wenn es viele zivile Opfer gibt und keine Siege, dann wird das die Wirkung sein. Doch bei einem erfolgreichen Verlauf, mit dem Resultat einer besseren Regierung in Afghanistan und einem Signal an alle anderen Regierungen, dass die Unterstützung von Terroristen ihren Preis hat, werden die positiven Effekte in der moslemischen Welt überwiegen.

Im Moment scheint der islamische Fundamentalismus eher neuen Zulauf zu bekommen. Sie sagen, dass der Krieg auch mit politischen und ideologischen Mitteln geführt werden soll. Wird dieser Versuch nicht durch die Bomben durchkreuzt?

Unsere Regierung versucht ja, zwischen der Bin-Laden-Version des Islam und den Versionen, von denen wir hoffen, dass sie den Mainstream repräsentieren, zu unterscheiden. Es gibt einen Wettbewerb in der islamischen Welt, und im Moment sieht der gemäßigte Islam vielleicht schwächer aus, als wir es uns wünschen. Aber das ist nicht das Problem der amerikanischen Regierung. Das ist tief in den Strukturen des Islam verwurzelt. Es wird jetzt viel über einen Krieg der Kulturen geredet, und alle Regierungen müssen natürlich darauf einwirken, dass es nicht zu so etwas kommt. Doch das liegt nicht bei uns. Wenn der Mainstream seine Version des Islam durchsetzt, dann gibt es keinen Krieg der Kulturen. Wenn sich herausstellt, das Bin Laden einen substantiellen Anteil der islamischen Welt repräsentiert, dann könnte der Krieg von ganz anderer Art sein, als wir es jetzt erwarten.

Kann man wirklich jede amerikanische Verantwortung für den Ausgang dieses inner-islamischen Prozesses zurückweisen? Muss man nicht die Auswirkungen amerikanischer Handlungen vorsichtiger einkalkulieren?

Das gehört zur Diplomatie. Wir müssen die Radikalislamisten isolieren und dabei vorsichtig operieren. Wir wandern auf einem schmalen Grat bezüglich der Blockade des Irak, beim arabisch-israelischen Konflikt, in Kashmir und anderswo. Man muss all dies vor allem tun, ohne Bin Laden zu ermöglichen, im Fernsehen einen Sieg zu erklären.

Zum "jus in bello": Was halten Sie im Krieg gegen Afghanistan für wichtig?

Man muss nah genug sein, um legitime Ziele zu treffen. "Jus in bello", die moralisch gerechte Kriegsführung, ist hauptsächlich von der Regel der "Immunität der Nichtkämpfenden" bestimmt. Man unterscheidet zwischen Soldaten und Zivilisten, die direkt mit deren Bewaffnung beschäftigt sind, sowie allen anderen Zivilisten. Die Hauptregel besagt, dass man nicht auf den Tod von Zivilisten abzielen soll. Der Terrorismus verletzt diese Regel ganz bewusst. Man kann ihn definieren als Tötung von Zivilisten mit dem Ziel, Druck auf eine Regierung auszuüben. Auch die Atombombe von Hiroshima war ein terroristischer Akt. Man muss jetzt natürlich alles tun, um die euphemistisch so genannten Kollateralschäden zu vermeiden. Im Idealfall tut man das mit Bodentruppen.

Im Augenblick wird vor allem bombardiert.

Wenn man aus der Entfernung kämpft, braucht man sehr gute Informationen. Und "kluge Bomben" sind nie so klug wie man denkt. Und selbst wenn man all das befolgt, wird man immer noch Risiken, Verletzungen und Tod über Zivilisten bringen. Dafür hat die klassiche Doktrin des gerechten Krieges den Begriff der Proportionalität: "Töte nicht mehr Zivilisten als der militärische Sieg es rechtfertigt." Doch niemand kann so etwas berechnen. Ich glaube, man kann da anders argumentieren: Man sollte nicht nur versuchen, den Tod von Zivilisten zu vermeiden, sondern zudem eigene Risiken eingehen, um dieses Risiko zu reduzieren. Das kann heißen, dass man niedriger fliegt oder dass man schneller Bodentruppen sendet. Daran sieht man, wie ernst es jemandem mit der gerechten Kriegsführung ist.

Es gibt leidenschaftliche Diskussionen über eine linke Position zu diesem Krieg. Sie sind seit Jahren einer der Wortführer der amerikanischen Linken, und plötzlich finden Sie sich Seite an Seite mit der Regierung.

Am Anfang des Kalten Krieges stand die Linke vor einem ähnlichen Dilemma. Damals trennten sich die Apologeten des Stalinismus von denen, die eine unabhängige und demokratische linke Politik wollten. In der zweiten Gruppe gab es dann den Begriff der kritischen Unterstützung des Westens im Kalten Krieg. Viele von uns waren schließlich heftige Gegner des Vietnam-Krieges, obwohl wir wenig Sympathie für den Norden des Landes hatten. Trotzdem sahen wir die amerikanischen Handlungen in Südvietnam als kriminell an. Das ist jetzt anders. Eine Politik der kritischen Unterstützung sollte man auch gegenüber den westlichen Regierungen, die den Terrorismus bekämpfen, verfolgen. Das wird sicher zu Spaltungen auf der Linken führen. Viele Linke haben in den 60er und 70er Jahren Apologien für den Terrorismus geliefert. Sartres Vorwort zu Fanons "Die Verdammten der Erde" ist das klassische Beispiel, und es gibt viele andere, einschließlich der Beziehungen zwischen der deutschen Linken und den Palästinensern in den frühen Siebzigern. Diese Geschichte muss man sich nun ansehen. Die Linke trägt durchaus eine Mitverantwortung für die "freundlichen Gewässer", in denen Terroristen bisher geschwommen sind.

Sie haben auch geäußert, dass das linke Projekt der Globalisierungskritik und der Kritik der amerikanischen Außenpolitik von der Frage des Terrorismus getrennt werden muss. Warum kann man diese beiden Perspektiven nicht in Verbindung bringen, vorausgesetzt, dass man Erklärungen sucht, nicht Rechtfertigungen?

Ich halte überhaupt nichts von dem, was man die "materialistische" Erklärung des Terrorismus nennen könnte, dieser in jeder linken Zeitschrift nachzulesenden Idee, dass die tieferen Ursachen des Terrors in Armut, Elend und Unterdrückung liegen. Da genügt doch eine einfache komparative Übung: Die schlimmsten Manifestationen globaler Ungleichheit gibt es im subsaharischen Afrika, und die Komplizenschaft des Westens bei der Produktion und Reproduktion menschlichen Elends ist in Afrika wohl klarer als irgendwo sonst in der Welt. Die deutlichste amerikanische Verstrickung in die Ausbeutung der Armut gibt es in Zentralamerika, wo amerikanische Firmen über viele Jahrzehnte skrupellos handelten. Und doch ist die Latino-Diaspora kein freundliches Gewässer für Terroristen. Man braucht neben politischen eben auch kulturelle Erklärungsmodelle. Damit hat die Linke noch immer Schwierigkeiten.

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