Kultur : Die Lira

Peter von Becker

Kennen Sie den sibirischsten Ort Europas? Er liegt direkt an der Himmelspforte, sozusagen: auf der Schwelle. Dort, wo nicht etwa die Hölle, aber doch der Norden Europas endet, wo die Alpensüdseite beginnt. Und dahinter, so schwärmt nicht nur der Herr von Goethe, liegt das Land, wo in der fernen nahen Tiefe die Zitronen blühen. Erst jedoch kam - vor Schengen und doppelt - der Pass. Die Brenner-Höhe und der Reisepass: in jenem Ort Brennerbad, dem von aufgelassenen Kasernen und tristen Restkaufläden gesäumten, in gebirgiger Gottverlassenheit dahindämmernden Grenzkaff. Fine di stato. Finis mundi, denkt man heute, auch wenn die DDR-ähnlichen, grauzementierten Grenzanlagen inzwischen geschleift sind. Nur der Betonschuppen auf der Autobahninsel, dieser zugige Kasten, in dem Millionen Cimbern und Teutonen (selbst nach der Einführung der Bancomaten) ihre ersten Lire eingewechselt haben, er steht wohl noch. Noch immer. Und ist schon eine Euro-Ruine. Auch das Paradies verliert jetzt sein eigenes Pfund: jene Lira, die Millionen deutsche Touristen bis heute hartnäckig, Singular und Plural verwechselnd, als "der" beziehungsweise "den" Lire bezeichnen.

Schon das ewige Missverständnis zeigt: Italiens Währung galt nie als gutes, wirklich geschätztes Geld. Zu viele Nullen. Tausende, die fast nichts, und Millionen, die nur Tausende wert waren. Zwar ist die Lira seit den festen Wechselkursen und Italines wirtschaftswunderlicher Deflation in ihrer Kaufkraft beständig geworden. Doch das Image der Weichwährung hat sie (wie der latin lover) nie ganz verloren. Kurzum, wir Nordlichter lieben dieses Land der Lire dank unserer Liebe zum Azurro, zu Sonne, Kunst und Pasta. Lire waren hierfür das Eintrittsgeld - aber weiß irgendwer noch, was auf dem blauen Zehntausender oder den (wiefarbenen?) Hunderttausendern eigentlich drauf war? Leonardo? Garibaldi? De Gasperi? Das ist, das war uns doch ziemlich schnuppe. Allerdings: eine Himmelsschnuppe!

Jetzt habe ich, nach so vielen Millionen, nur noch drei Tausender, die eine kurze Weile noch drei Mark wert sind. Wie Spielgeld sehen die kleinen, blaugrüngelbweißen Scheinchen aus mit dem rotweinroten (nicht toskanisch, eher südtirolerisch rotweinhellroten) Aufdruck "Mille"; und es sind auch zwei fleißig in ihre Schulhefte schreibende Kindlein auf der Rückseite. Während neben dem vorderseitigen Staatsbankwappen, dem venezianisch geflügelten Löwen, eine sehr alte Dame milde lächelt. Es ist Maria Montessori, eine gute Fee für viele Schüler noch heute. Demnächst auch beim Kopfrechnen, mit den neuen Kursen.

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