Kultur : Die List der Stimme

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SCHREIBWAREN

Jörg Plath über

eine SchreiTherapie

Auch Sie haben genug von glockenhellen Bälgerstimmen? Vom verorgelten Kitsch? Von der penetrierenden Glockenklanggemütlichkeit allüberall? Dann lassen Sie sich doch heute Abend mal von was anderem beschallen: „Das Stück beginnt damit, dass Neil Young zwei-, dreimal mehr oder weniger planlos in seine Gitarre drischt, um sie daraufhin, wie zur Entschuldigung, kaum hörbar zu streicheln. Weil dieses Intro im Gekreische meiner Tochter vollständig unterging, drehte ich den Lautstärkeregler weit nach rechts. Und dann stand aus heiterem Himmel die Stimme im Raum, behutsam, fast schüchtern und doch lockend, (…) an der untersten Grenze des noch Stimmlichen, aber durch den Lautsprecher eben doch äußerst laut, viel zu laut für ein Baby."

Die dreimonatige Tochter von Navid Kermani leidet unter Koliken, und die Eltern verzweifeln. Liebkosungen, Herumtragen, Vorsingen - nichts scheint zu helfen. Bis der Vater auf die Idee kommt, Musik zu hören – natürlich, um die Tochter zu beruhigen, nicht um ihr Schreien zu übertönen. Und tatsächlich: Bei Neil Youngs „The Last Trip To Tulsa" kehrt Frieden ein, für ganze zehn Minuten, die das Stück dauert. Für Kermani ist das erlösende Ereignis Anlass, über den Reiz einer ziemlich heiklen Fistelstimme nachzudenken, über Liedtexte, deren Sehnsüchte zwischen Adorno und Heidegger changieren, und über ästhetische Erfahrungen, die todbringend sein können – weshalb seine ungewöhnliche Erzählung auch „Das Buch der von Neil Young Getöteten" (Ammann) heißt.

Als Marlon Brando Pocahontas küsste

Der Tochter geht es übrigens den Umständen entsprechend bestens, besser jedenfalls als Kermanis Nachbarn und seinen Anneliese Rothenberger hörenden Familienangehörigen, die Neil Young nun sehr oft und in beständiger Wiederholung der jeweils aktuellen zwei oder drei Hits lauschen müssen. Sie dürften heute Abend um 22 Uhr 30 nicht in der Volksbühne sein, wenn die „Nacht der von Neil Young Getöteten" beginnt: Schauspieler lesen aus Kermanis Buch und singen Youngs Lieder, Diedrich Diederichsen spricht mit dem Autor, es flimmert Jim Jarmuschs Film über Neil Young, „The Year of the Horse", auf der Leinwand, und in den Salons röhren die Gitarren oder auch mal die Jets von Swissair wie in „Heart of Gold". Zweifellos ein Programm für „Marlon Brando, Pocahontas and me".

Zwei Tage später heißt es dann forsch: „Sie werden platziert!" Im Literarischen Salon Britta Gansebohm (19.12., 20 Uhr 30) nämlich, wo Tilo Köhler aus „Die Geschichte der Mitropa" (transit), der Mitteleuropäischen Schlafwagengesellschaft, erzählt. Vom volkseigenen Können etwa: „… noch heute zählt es zu den eindrucksvollsten Wundern menschlicher Erfindungskraft, wie viele Portionen Schweinebraten wirklicher Gestaltungswille aus einem kiloschweren Batzen Formfleisch zaubern konnte. Es waren magische Manöver, die schließlich aus der löschblattdicken, durchscheinenden Bratenscheibe, einem Berg synthetischen Pürees und einer Kelle Mischgemüse aus dem Glas den Eindruck eines vollständigen Mittagessens auf dem Tisch erweckten – Respekt!"

Danach gibt es ein „Jahresabschluss-Fest", und dem folgen dann bekanntlich so manche Feiern. Nur keine Lesungen mehr mit Ausnahme jener, die beginnt mit „Es begab sich aber zu der Zeit…" Der Kolumnist widmet sich daher die nächsten zwei Wochen innig den Lebkuchen und wird über Wilhelm Busch grübeln: „Die Sorge, wie man Nahrung findet, / Ist manchesmal nicht unbegründet."

Nach drei Wochen ist dann mit Sicherheit alles vorüber, und wir sind, abgesehen von neuen Vorsätzen und Strickpullovern, wieder ganz die Alten. Das ist der Zeitpunkt, an dem „Schreibwaren" von neuem auf Sendung geht: am 7.1. Halten Sie durch bis dahin.

Selber lesen kann auch ganz schön sein.

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