Die Losung des Kirchentags : Sehen und gesehen werden

Aufmerksamkeit ist eine immer knappere Ressource. Deswegen ist die Losung des Kirchentags gut gewählt. Eine Analyse.

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Erkennen ist Erkenntnis. Der Engel begegnet Hagar in der Wüste – ein Gemälde von Francesco Maffei (1657). Foto: Alamy Stock Photo
Erkennen ist Erkenntnis. Der Engel begegnet Hagar in der Wüste – ein Gemälde von Francesco Maffei (1657).Foto: Alamy Stock Photo

„Du siehst mich“. Das ist die Losung des Evangelischen Kirchentages, der jetzt in Berlin beginnt. Es ist eine sehr gut gewählte Losung. Bedingungslos gesehen zu werden, das ist vielleicht der größte Trost, den man dem postmodernen Menschen versprechen kann.

„Du siehst mich“, oder, je nach Übersetzung, „Du bist der Gott, der mich sieht“, das sagt die Sklavin Hagar im Alten Testament zu einem von Gott gesandten Engel, der ihr auf ihrer Flucht durch die Wüste begegnet. Hagar ist die Sklavin von Sara, der Frau Abrahams. Weil Sara schon alt ist und glaubt, keinen Sohn mehr zu bekommen, bittet sie Abraham, ein Kind mit Hagar zu zeugen. Doch als dieses Kind, Ismael, geboren wird, überwirft sich Sara mit ihrer Sklavin und beginnt, sie schlecht zu behandeln. Hagar flieht in die Wüste, wo ihr der Engel erscheint.

Theologen weisen darauf hin, dass Hagar die erste biblische Figur ist, die Gott einen Namen gibt. Man könnte ihre Aussage also als Gottesbeschreibung und Selbstbeschreibung in einem lesen. So will es das Kirchentagspräsidium verstanden wissen. Gott ist der, der den Menschen sieht, und der Mensch wird gesehen. Jeder Mensch – sogar die rechtlose Sklavin Hagar auf der Flucht.

Gesehen werden, immer, ständig, bedingungslos: Was für ein Versprechen! Betrachtet man den Kirchentag als Werbeveranstaltung für den christlichen Glauben, könnte es wohl keinen Slogan geben, der den gebeutelten postmodernen Menschen besser abholt, und kaum einen anziehenderen für die urbanen Verlorenen. Als Bewohner der Postmoderne im Allgemeinen und als Berliner im Besonderen wird nämlich faktisch keiner einfach so gesehen. Wir leben in der totalen Aufmerksamkeits-Meritokratie. Wer für Aufmerksamkeit nicht selbst sorgt, durch Leistung, Aussehen oder witzige Tweets, ist unsichtbar. Und je ausgeprägter diese Mechanismen werden, desto archaischer, aber auch desto attraktiver erscheint das große Versprechen, das nach der Lesart des Kirchentagspräsidiums in Hagars Geschichte steckt.

Wahrgenommen zu werden: so wichtig wie Essen, Trinken, Schlafen, Sex

Wahrgenommen zu werden ist ein menschliches Grundbedürfnis. Es steht dem Essen, dem Trinken, dem Sex, dem Schlafen nicht nach. Wir brauchen Aufmerksamkeit, nicht, weil wir alle kleine Narzissten sind, sondern weil wir das Gesehen-Werden existenziell brauchen. Wir brauchen es, um überhaupt erst zu sein. Für das soziale Wesen Mensch sind andere Menschen der Hallraum dauerhafter Selbstvergewisserung. Der menschliche Sozialultraschall sendet permanent Signale aus und formt sein Selbstbild aus dem Echo. Erst dadurch, dass andere lachen, nimmt man sich als unterhaltsam wahr. Wenn nichts zurückhallt, fühlen wir uns inexistent. Das Fehlen von Aufmerksamkeit kommt einer Auslöschung gleich. Es gibt grausame Experimente mit Babys, die belegen, dass sie leiden, wenn sie regungslos angeschaut werden.

Die Beschreibung des Menschen als intersubjektives Wesen ist nicht neu. Schon der amerikanische Soziologe George Herbert Mead, verstorben 1931, beschrieb, wie der Mensch seine Identität erst in der Interaktion mit anderen formt. Doch sie wird relevanter. Im 21. Jahrhundert ist das Gesehen-Werden weniger selbstverständlich, während das Bedürfnis danach steigt. Der Jenaer Soziologe Hartmut Rosa hat 2016 in seinem Buch „Resonanz“ das ständig steigende Bedürfnis des Menschen nach Widerhall in der Welt sogar zum konstitutiven Element der Moderne erklärt.

Ihr „kulturelles Programm“, schrieb Rosa, sei die „systematische Vergrößerung der individuellen und kulturellen Weltreichweite“. Wir wollen immer mehr Aufmerksamkeit, um uns zu vergewissern, dass wir da sind, und Digitalisierung und Hyperkonsum versprechen uns, dass das geht: Du kannst eine Million Instagram-Fans haben, schreit die Moderne – wenn du nur den geilsten Style hast.

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