Kultur : Die loyale Dissidentin

Bewegte Bilder, bewegende Briefe: zwei Neuerscheinungen zum heutigen 75. Geburtstag von Christa Wolf

Katrin Hillgruber

Viel Papier und eine zierliche Schreibmaschine unter einer Tütenlampe, darunter die Abbildung einer Vollmacht, ausgestellt vom Direktor des VEB Waggonbau Ammendorf in Halle: „Ich erteile hiermit die Genehmigung, dass die Genossin Christa Wolf und der Genosse Gerhard Wolf in sämtliche Betriebsunterlagen, d.h. Pläne, Produktionsprotokolle und andere für sie interessante Unterlagen Einsicht nehmen können.“

„Volle Unterstützung in Verbindung mit ihrer schriftstellerischen Tätigkeit“ sicherte das Werk im Juni 1960 der 31-Jährigen zu und schuf damit eine wichtige Voraussetzung für ihren literarischen Durchbruch, den Roman „Der geteilte Himmel“. Das idyllische Stillleben von Lenins „Großer Initiative“, von der gesellschaftlichen Arbeit, die zwischen Werkbank und Schreibtisch keinen Unterschied macht, wird neun Jahre später von einem anderen Brief konterkariert: Darin teilt der Mitteldeutsche Verlag mit, man halte es für falsch, wenn sich um „den Namen Christa Wolf eine ideologisch-künstlerische Plattform“ bilde und sende daher das Manuskript „Lesen und Schreiben“ zurück.

Wer als Künstler die Geborgenheit und Fürsorge der DDR genoss, musste sich gelegentlich auch triezen lassen: Das ideologische Auf und Ab in einem Staat, dessen Adoleszenz sich annähernd zeitgleich mit ihrer eigenen abspielte, die Fährnisse eines Lebens als „loyale Dissidentin“, werden beim Durchblättern von Peter Böthigs Bild-Biografie noch plastischer deutlich, als in Christa Wolfs persönlicher Chronik des 27. September 1960 bis 2000 „Ein Tag im Jahr“.

Böthig, Leiter der Kurt-Tucholsky-Gedenkstätte in Rheinsberg, arrangiert anhand thematischer Schwerpunkte ein reiches öffentliches und privates Leben als „Streifzug durch eine schöpferische Landschaft“ und ergänzt damit vortrefflich Jörg Magenaus ChristaWolf-Biografie von 2002.

Heute vor 75 Jahren, am 18. März wurde sie geboren, dem Jahrestag der Revolution von 1848, wie ihre Mutter Hertha immer betonte. „Ich werde in anderthalb Monaten vierzig“ schrieb Christa Wolf 1969 an die schwerkranke Brigitte Reimann, die diesen runden Geburtstag selbst nicht erreichen sollte. „Mir kommt beinahe vor, als ob man es dann, für die erste Runde, hinter sich hätte. Und bei der zweiten spielt man halt doch wieder mit, denn wer sagt dir, dass es die letzte wäre? Zu leben, und möglichst nicht gar zu sehr gegen den eigenen Strich zu leben, das heißt zu arbeiten und ein paar Leute teilhaben zu lassen, ist die einzige Art von Tapferkeit, die ich heute sehe.“ Christa Wolfs Verkörperung des common sense bei gleichzeitigem Drang zum Exemplarischen, ihre Warmherzigkeit, die in vielen Briefen zum Ausdruck kommt, sowie der Umstand, dass sie vor allem seit „Kindheitsmuster“ (1976) autobiografisches Material literarisierte: Das alles sind Gründe für ihre ungebrochene Beliebtheit.

Diese überstand fast unbeschadet den westdeutschen „Literaturstreit“ von 1990 und geht Hand in Hand mit ihrem internationalen Ruhm, der nur mit dem von Günter Grass zu vergleichen ist.

„Ihre Kassandra las ich, als ob ich tanzte“: Als zweites Geburtstagsgeschenk an seine Autorin veröffentlicht der Luchterhand Literaturverlag Christa Wolfs Briefwechsel mit ihrer (Fast-)Namensvetterin Charlotte Wolff aus den Jahren 1983 bis 1986. Die beiden Frauen, die unterschiedlicher nicht hätten sein können, fanden durch beinahe gleich lautende poetische Einfälle zueinander. Die jüdische Ärztin und Sexualforscherin zitierte in ihrer Autobiographie Christa Wolfs „Kein Ort. Nirgends“, weil sie eine Formulierung an ein eigenes Jugendgedicht erinnert hatte. Christa Wolf, mit den Nachwirkungen der „Kassandra“ viel beschäftigt, bedankte sich für das „Wunsch-Signal“.

Zwischen London und Ost-Berlin entspann sich rasch ein so herzlicher Dialog, vor allem über Intuition und die Bedingungen weiblichen Schreibens, dass „die Wölfe weggelassen wurden“. Der erklärte „Familienmensch“ Christa Wolf, der das Bekanntsein fürchten gelernt habe, fühlt sich in die Emigrantensituation der 1897 geborenen lesbischen „Hermitin“ (statt Eremitin) ein: „Es müssen in Dir Polaritäten zusammenkommen, die zerreißend hätten wirken können, aber etwas in Dir, vielleicht Deine Arbeitskraft und Selbstdisziplin, hat dieses Zerreißen verhindert.“

Charlotte Wolff schloss trotz ihres hohen Alters eine Porträtstudie über Magnus Hirschfeld ab. Stets bewahrte sie ihren Berliner Mutterwitz, der, durchsetzt von Anglizismen, eine köstliche Lektüre garantiert. Es mutet tragisch an, dass der intensive Austausch nie zu einer persönlichen Begegnung führte – im September 1986 starb Charlotte Wolff. Das größte, bewegendste Kompliment aus London war das Geständnis, Christa Wolfs Literatur habe ihr die durch die Nazis verunglimpfte deutsche Sprache „neu ins Leben gebracht“.

Peter Böthig: Christa Wolf - Eine Biografie in Bildern und Texten. 224 Seiten mit 300 Fotos, 35 €. – Christa Wolf / Charlotte Wolff: Ja, unsere Kreise berühren sich. Briefe 1983 bis 1986. 160 Seiten mit 20 Fotos, 15 €. Beide erschienen im Luchterhand Literaturverlag, München 2004.

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