Kultur : Die Lübecker Loge

Günter Grass gründet ein Schriftsteller-Forum – gegen die Verstreuung im Lande

Steffen Richter

Eine „Zusammenrottung“ soll es sein, sagt Günter Grass. Nichts von Fortsetzung der Gruppe 47 oder von nationaler Repräsentanz. Keine Proklamationen, keine feurigen Reden, sondern Werkstattgespräch. Auch soll der Verein durchaus nicht „Lübeck 05“ heißen, sondern bis auf Widerruf „Lübecker Literaturtreffen“. Prosaischer geht’s nicht.

Wenn Günter Grass Schriftsteller um sich schart, um – so die Ankündigung – einander zu kritisieren und zu debattieren „gewiss auch über den literarischen Diskurs hinaus!“, dann sind hoch gespannte Erwartungen vorprogrammiert. Um so ernüchternder klingt zunächst, was der Literaturnobelpreisträger als primus inter pares mit Michael Kumpfmüller, Katja Lange-Müller, Benjamin Lebert, Eva Menasse, Matthias Politycki und Tilman Spengler am Dienstag im Lübecker Grass-Haus verkündete: Man wolle etwas tun gegen die „Verstreuung“ der Schriftsteller im Lande und ein literarisches Diskussionsforum schaffen.

Zwei Tage lang haben die Autoren über ihren Manuskripten gesessen. Nein, sagt Kumpfmüller, um Gesinnung sei es nicht gegangen, sondern ausschließlich um Literatur. „Lehrreich, verkopft, intensiv und menschlich“ sei es zugegangen, meint der junge Benjamin Lebert. Und Eva Menasse freut sich über eine Möglichkeit des Generationen übergreifenden Austauschs, den es sonst nicht gebe. Mehr als zwölf bis 15 Autoren, darin ist man sich einig, sollen es nicht werden, und professionelle Literaturkritiker hätten dabei nichts zu suchen. Das soll auch so bleiben, wenn man sich im nächsten Herbst ein zweites Mal trifft. So weit, so unspektakulär. Mit der Gruppe 47 hatte es ganz ähnlich angefangen. Bis der Erfolg kam und sie sich in eine Institution des Literaturmarkts unter medialer Dauerbeobachtung verwandelte.

Freilich, hätten Grass und Co. vermeldet, man wolle die Gruppe 47 neu gründen, was hätte man ihnen um die Ohren gehauen! Dass ein alter Mann sich seinem literarischen und politischen Bedeutungsschwund entgegenstemme. Dass ein politischer und ästhetischer Konsens heute nur eine Fiktion sein könne. Vorbei die Zeiten, in denen man sich irgendwo links einig war, in denen Böll zur „Einigkeit der Einzelgänger“ aufrief und alle kamen. Vorbei ist schließlich die alte Bundesrepublik, der man mit Literatur – als sozialhygienischer Maßnahme – Nonkonformismus und die moralische Pflicht zur Vergangenheitsaufarbeitung verordnen konnte. Das wissen die Lübecker. Doch sie wissen auch, was geblieben ist: ein zunehmend globalisierter Buchmarkt, mit dem eine Vereinzelung der Literaturproduzenten einhergeht. Geblieben ist das Bedürfnis nach Austausch.

Doch es gibt da noch einen anderen Impuls des Lübecker Treffens, der sich zur erklärten Selbstgenügsamkeit gesellt: Man möchte sich gegen tatsächliche oder vermeintliche Zumutungen zur Wehr zu setzen, die vom Feuilleton ausgingen. Die 35- bis 45-jährige Feuilletonisten, so Menasse, hätten in den letzten Jahren eine Meinungsführerschaft an sich gerissen, die früher einmal bei den Autoren lag. Und Grass, nun mit Verve, ruft den versammelten 40 Journalisten zu: „Ich wünsche uns mehr Selbstbewusstsein. Wir sind das Primäre, ihr seid das Sekundäre.“ Daran solle man sich endlich gewöhnen. Nun, das sagt Grass nicht zum ersten Mal. Das Medieninteresse an seiner Lübecker Initiative scheint ihn indes nicht zu verdrießen.

Keine Frage: Natürlich sollen sich die Schriftsteller das „notwendige politische Engagement der Autoren“ vom Feuilleton nicht verbieten lassen. Schließlich wurden alle großen Literaturdebatten der letzten Jahre – sei es um Christa Wolfs „Was bleibt“, Grass’ „Weites Feld“ oder Walsers „Tod eines Kritikers“ – um politische und ideologische Implikationen des Literarischen geführt. Es ist kein Unglück, wenn eine Gesellschaft ihr Selbstverständnis anhand literarischer Gegenstände debattiert. So stimmt es fast zuversichtlich, wenn Grass dann doch versichert, bei Bedarf werde man sich schon zu Wort melden. Und wenn Politycki darauf beharrt, dass die „Repolitisierung unserer Branche“ auch über den vergangenen Wahlkampf hinaus Bestand haben soll.

Dennoch wünschte man sich ein paar deutlichere Signale in literatur-programmatischer Hinsicht. Gerade von Politycki, der als Mitverfasser der Streitschrift für einen „Relevanten Realismus“ als Polemiker bekannt ist. Der weiß, dass Literatur „groß genug ist, dass wir alle in ihr Unrecht haben können“, um mit Arno Schmidt zu sprechen. Man vermisst ein wenig die Stimme Burkhard Spinnens, der, wie Thomas Brussig, eingeladen war, aber nicht kommen konnte. Spinnen hat kürzlich am Literarischen Colloquium Berlin das mögliche Ende einer „Schizographie“ verkündet, in der Schriftsteller der Grass-Generation vormittags am Schreibtisch das Individuum feierten, um nachmittags solidarische Resolutionen aufzusetzen. Nun, unter den Bedingungen nach der Wiedervereinigung, könnten sich Avantgarde und Engagement in einem offenen Sprachraum vereinen.

Solche Positionierungen waren am Dienstag nur spärlich zu vernehmen. Das Lübecker Unternehmen könnte sich trotzdem lohnen, wird doch Literatur im engeren Sinne in der Medienkonkurrenz immer mehr zur minoritären Angelegenheit. Da sind Gespräche wichtig, die intern „textbezogen, handwerklich-sachlich, heiter und ohne Häme“ stattfinden und zudem in den öffentlichen Raum ausstrahlen. Andere könnten es ihnen gleichtun, heißt es ausdrücklich. Die erfrischende Botschaft aus dem Norden: Bildet Banden! Mal sehen, was sie anstellen.

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