Kultur : Die Lücke am Kai

Wahrzeichen Elbphilharmonie: Hamburg baut sich am Hafen eine neue City

Kia Vahland

Hafencity – das ist in den Augen vieler Hamburger ein Widerspruch in sich. City meint hier Rathaus und Jungfernstieg, die Segelboote auf der Außenalster und dazu die in Wohnungsanzeigen immer gesuchten „üblichen Viertel“. In Frankfurt wird als erstes nach dem Beruf gefragt, in Rom nach der Familie, in Hamburg dagegen nach dem Stadtteil, in dem einer wohnt. Lautet die Antwort Winterhude oder Sternschanze, hat man ein Gesprächsthema. Lautet sie Wilhelmsburg oder Hammerbrook, wird ratlos geschwiegen. Das ist zwar nur zehn S-BahnMinuten von den Alsterarkaden entfernt, aber es liegt in Nähe des Hafens. Und der ist in Hamburg das ewig Andere, die Kulisse mit Kränen und Containern, der Ort, an dem noch gearbeitet wird, wenn die Mönckebergstraße nach Ladenschluss längst ausgestorben ist.

Nun werden Hafen und City urbanistisch vereint. Hamburg will wachsen, und diesmal nicht ins schon zersiedelte Hinterland, sondern mittendrin. Eine Landfläche von 100 Hektar wird sukzessive bebaut; auch der Osten Richtung Elbbrücken soll erschlossen werden. Bis zu 12 000 Menschen werden an den Kaianlagen wohnen, 40 000 dort arbeiten. Der Hafen allerdings, er ist längst woanders. Die Schuppen dort sind billige Nachkriegsmonstren, die keine Restaurierung wert sind. Industrieanlagen wie eine alt eingesessene Kaffeerösterei riechen zu stark, als dass sie bleiben dürften. Einige Kräne dürfen zur Zierde wohl bleiben.

Selbst der Kaispeicher A, das exponierteste historische Gebäude, hätte nach Wunsch der Planer in ein Medienhaus verwandelt werden sollen. Aber dafür gab es weder den Bedarf noch ein überzeugendes Konzept. In der Stadt wuchs die Befürchtung, an dieser vom Wasser umspülten Stelle könne ein weiterer charakterloser Büroturm entstehen – wie schon an der benachbarten Kehrwiederspitze.

Das verhinderte die Initiative des Stadtplaners Alexander Gérard. Gemeinsam mit den Architekten Herzog & de Meuron legte er den Entwurf für die Elbphilharmonie vor, die sich mit Schwung über dem zum Parkhaus umfunktionierten Speicher in den Himmel recken soll. Dabei geht es um mehr als Musik. Der Bau wird auch Wohnungen, ein Hotel, Restaurants und eine zugängliche Plaza erhalten. Damit brachte es die auch von der Bürgerschaft gewünschte Elbphilharmonie zur großen Hoffnungsträgerin: Sie soll das Wahrzeichen der Stadt werden, von den Einwohnern gewollt, von den Auswärtigen bewundert.

Nur dieser hohe symbolische Wert erklärt, was dann geschah. Trotz eines städtischen Zuschusses von 77 Millionen Eruo und einer Gegenfinanzierung über die privaten Einnahmen fehlten im Sommer 2005 noch mehr als 30 Millionen Euro allein für den Bau. Jetzt liegt der Kontostand bei über 22 Millionen Euro – im Plus. Denn der Senat gewann drei Großmäzene für das Projekt. Es muss eine Art Wettlauf entstanden sein um die Teilhabe an dem Bauwerk, das die Reeperbahn als international bekanntes Markenzeichen Hamburgs ablösen könnte.

Erst spendete das Ehepaar Hannelore und Helmut Greves 30 Millionen Euro. Die Immobilien-Unternehmer gehören zu Hamburgs bedeutenden Mäzenen. Sie sorgten bereits für einen Anbau der Musikhochschule und für zwei Flügelbauten am Hauptgebäude der Universität. Damals wollten die Stifter noch in architektonischen Fragen mitreden. Heute ist das anders, denn der Entwurf von Herzog & de Meuron ist ausgereift. Auch eine Benennung der Philharmonie nach den Spendern steht nicht zur Debatte – was in einer Stadt mit einer AOL Arena, wo der Hamburger SV spielt, ja durchaus denkbar wäre. Am Hafen bleibt es beim hanseatischen Understatement. Die Greves, als Geschäftsleute verantwortlich für etliche einfallslose Hamburger Büroblöcke, fördern nun eine Architektur, wie sie ausgefallener nicht sein könnte.

Obwohl damit der Bau schon finanziert wäre, beteiligten sich kurz darauf auch der Versandhauschef Michael Otto und die Hermann-Reemtsma-Stiftung mit jeweils 10 Millionen Euro. Die Stadt hat zugesichert, überschüssiges Geld in die Betriebskosten zu stecken. Beide Spender gehören zu den kulturellen Gönnern der Stadt. In Hamburg hat dies bei Bauprojekten Tradition: Schon die großen Museen wurden mit privatem Geld errichtet. Stets waren es einzelne Bürger, die Anbauten wie zuletzt das Hubertus-Wald-Forum der Kunsthalle oder den Schümann-Flügel des Kunstgewerbemuseums finanzierten. Experimentelle Projekte und junge Künstler dagegen haben es schwerer, jenseits der öffentlichen Förderung an Mittel zu kommen.

Auch in der Hafencity waren sie in den ersten Planungsjahren unerwünscht: Man wolle kein zweites Kampnagel, bekam ein Künstler zu hören. Das längst überregional etablierte Zentrum für Tanz und Theater galt als zu gewagt. Inzwischen ahnt aber auch die entscheidungsmächtige Hafen City Hamburg GmbH, welche Verödung droht, wenn sich hier nicht auch eine kulturelle Szene ansiedelt. Viele Künstler jedoch wollen sich nicht als Animateure in Dienst nehmen lassen. Die Gruppe „Hafensafari“ etwa plant ihre nächsten Aktionen gerade nicht auf der Baustelle, sondern in Harburg.

Besonders das künftige Überseeviertel wird nicht nur von Künstlern kritisiert, ist hier doch kaum Platz für Unvorhergesehenes. Auf dem von einer Investorengruppe angelegten Gelände sind große Gebäudekomplexe geplant. Büros und Wohnungen werden voneinander getrennt, die Erdgeschosse gehören den Geschäften. Sie könnten die einzigen Zufluchtsorte in dem gassenfreien Quartier werden, wenn der Wind durch die schönen Sichtachsen pfeift. Schließlich waren die Kaianlagen ursprünglich nicht für Menschen angelegt, sondern für Schiffe.

Ein Wasserbecken weiter entsteht im Kaispeicher B ein Museum der Schifffahrt. Die beiden historischen Speicher trennt jedoch mehr als nur die Hafencity, die zwischen beiden wächst. Denn im Speicher A, der Elbphilharmonie, beschenkt das Bürgertum seine Stadt, im Speicher B die Stadt einen Bürger. Die Stiftung von Peter Tamm, dem früheren Vorstand des Axel-Springer-Verlags, darf das zehnstöckige Gebäude 99 Jahre als Museum für Tamms maritime Privatsammlung nutzen, die wegen ihrer Militaria umstritten ist. Die Stiftung erhält dafür 30 Millionen Euro. Der Senat hat sich weder eine Mitsprachemöglichkeit gesichert, noch für die auf Schifffahrt spezialisierten öffentlichen Museen feste Ausstellungsräume eingefordert.

Hauptsache maritim, lautet in Hamburg die Devise. Nicht frei von Ironie ist die gesamte Stadtentwicklungsgeschichte: Hamburg entdeckt seinen Hafen und greift nach ihm in dem Moment, da dieser aus der Citynähe verschwindet.

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