Kultur : Die Lüge aus Liebe

Cristina Tilmann

Rotblondes Haar, lodernde Locken: Sie kämpft wie eine Tigerin - und beißt, wenn sie verliert. Sie ist die einzige, die ein lautes Wort wagt, die einzige, die offen von Liebe und Verlangen spricht, die einzige, die sich nimmt, was sie haben will. Uma Thurman ist keine marmorkalte Schönheit, wie es Nicole Kidman 1996 in Jane Campions "Porträt einer Lady" war. Sie ist auch keine naive Unschuld aus der neuen Welt, wie Helena Bonham Carter 1997 in "Flügel der Taube". Thurman ist eine leidenschaftliche Frau von heute, die es in eine Welt verschlagen hat, in der andere Regeln gelten: Rücksicht, Konvention, aber auch Intrige und Berechnung. Jede Emotion läuft hier nur undercover.

Die Lügen und Verletzungen, die aus gegenseitiger Rücksichtnahme entstehen, hat keiner so genau analysiert wie der amerikanische Schriftsteller Henry James. In "The Golden Bowl", seinem letzten Roman, führt er die nervösen Stränge, die sensible Kultiviertheit und erschreckende Lebensleere auf die Spitze - in einer fast diabolisch gut konstruierten ménage à quatre. Mag das letzte Motiv des Handelns die Angst vor der Armut, der Gegensatz zwischen Neuer und Alter Welt sein: Verhandelt wird auf dem Feld von Ehe und Liebe. Aus heutiger Sicht geht es "nur" um die Regungen recht mittelmäßiger, gut situierter Jahrhundertwende-Repräsentanten. Daraus kein langweiliges Kostümstück, sondern einen atemberaubenden Seelen-Krimi gemacht zu haben, ist große Kunst.

Der Plot ist denkbar einfach: Die reiche Erbin Maggie heiratet auf Wunsch ihres Vaters den verarmten italienischen Prinzen Amerigo - nicht wissend, dass er ein Verhältnis mit ihrer Freundin Charlotte unterhält. Die Angst, mit dieser Ehe ihren Vater zu verraten, lässt sie ihm Charlotte als Gattin zuführen, die wiederum nur einwilligt, um in der Nähe ihres Geliebten zu bleiben. Die Bande zwischen Vater und Tochter erweisen sich als stärker, die jeweiligen Ehepartner wirken wie Eindringlinge in diesem fast inzestuösen Nähe-Verhältnis - und finden deshalb zwangsläufig wieder zueinander.

Das alles klingt dramatischer, als es sich liest. Henry James entfaltet das Drama in langen Dialogen, in Andeutungen und minimalen Verschiebungen. Der Film muss mehr auf Bilder als auf Worte, mehr auf Konstellationen als auf Kommentare setzten. James Ivory, seit seinen Anfängen mit "The Bostonians" und "The Europeans" Spezialist für Henry-James-Verfilmungen, wählt den Weg der prunkvollen Ausstattung. Was James in einer extrem differenzierten Sprache beschreibt, zeigt Ivory in bis ins Detail stimmigen Bildern.

Da schimmern die Stoffe, reflektieren die Fensterscheiben goldenes Licht, quellen die Gärten über vor Blumenpracht. Nicht umsonst definieren sich die Figuren über ihr Verhältnis zur Kunst - das Schwelgen in artifizieller Schönheit erweist sich nur zu oft als Flucht vor der Wirklichkeit. Die Bilderwucht des Films versucht der Wortmächtigkeit des Romans Paroli zu bieten - und gerät damit in die Gefahr vordergründiger Opulenz.

Die Akteure aber halten das labile Gleichgewicht wunderbar in der Schwebe. Eine grandios komische Anjelica Huston als Mitwisserin und Kupplerin bündelt den Blick auf die explosive, ungesunde Konstellation. Die Hartnäckigkeit, mit der die blasse Kate Beckinsale als Maggie um ihre Ehe kämpft, spiegelt sich in der Härte, mit der Nick Nolte als Vater die seine riskiert, um seine Tochter zu rächen. Beide müssen sich schließlich zwischen Ehe und Vater/Tochterliebe entscheiden. Wo der eine gewinnt, kann der andere nur verlieren.

Seine quälende Spannung zieht der Film daraus, dass es kein Falsch und kein Richtig gibt, dass jeder im Recht ist und doch Unrecht tut. Alles wird erklärlich und nichts entschuldbar. Henry James übte sich im kalten Blick auf heiße Emotionen - Ivory ist es gelungen, ihn im schnellen, emotionalen Medium Film zu bewahren.

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