Kultur : Die Lupe des Bildermachers

Der Kriegsfotograf Paolo Pellegrin erklärt in einem Leica-Workshop die Ästhetik des Augenblicks

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Von Deike Diening

„Acht bis zehn Jahre harter Arbeit braucht man, um ein guter Fotograf zu werden“, meint Paolo Pellegrin. So lange hat er selbst gebraucht. Was sind also zwei Tage, in denen 15 Fotografiestudenten und Autodidakten sich auf einem von Leica veranstalteten Wochenend-Workshop von dem Magnum-Mitglied Pellegrin belehren lassen dürfen, wenn man noch acht Jahre vor sich hat? Nun ist Magnum eine Legende, Leica ist es auch und der 38-jährige Pellegrin ist auf dem besten Wege, ebenfalls eine zu werden.

„Ich habe lange gebraucht, das richtige Ausdrucksmittel für mich zu finden“, erzählt er. Er hatte begonnen, Architektur zu studieren, war unzufrieden, und hat gesucht, so wie man eben sucht, wenn man den Anspruch hat, dass das, was man zu finden hofft, mit dem eigenen Leben verwachsen soll. „Eine ziemlich schlechte Fotoschule in Rom“ reichte aus, sein Leben zu ändern: „In die Fotografie fließen alle Erfahrungen ein, die ich gemacht habe, mein Begriff von Raum und auch die Literatur, die ich gelesen habe“, sagt er und guckt dabei so fragend, als habe das mit der Literatur schon einmal jemand sehr komisch gefunden. „Wenn ich schreiben könnte, würde ich schreiben. Aber nun kann ich fotografieren.“ Vielleicht liegt das gar nicht weit auseinander.

Pellegrin führt durch seine Ausstellung „Der Balkan – Spuren des Krieges“ und zeigt an seinen Bildern, was er meint. Meistens gibt es Rauch, Schatten, Masten, Tiere, Wind in Bäumen, Häuser und Hügelketten und fast immer Menschen. „Die Dinge, die zu sehen sind, sollen einen Bezug zueinander aufbauen, eine Komposition bilden. Sie sollen aber zugleich etwas von den Dingen erzählen, die nicht zu sehen sind.“ Was in etwa der Versuch ist, das Unsichtbare zu fotografieren, etwas, das gerade woanders ist, das überhaupt niemals stofflich war oder eher einen Begriff als ein Bild ergeben würde: „Da gab es zum Beispiel diesen Auftrag einer italienischen Organisation, Kriegsschäden an Kindern zu fotografieren. Ich wollte auf keinen Fall diese eindeutigen Bilder verstümmelter Kinder zeigen. Ich fragte mich: Ist es möglich deren seelische Verletzungen zu zeigen?" Eine Woche lang reisten seine Auftraggeber mit ihm durch das Land und wunderten sich sehr über diesen Fotografen, der kein einziges Bild machte. Aber in dieser Woche traf er eine Entscheidung: Erstens würde er im Mittelformat fotografieren; zweitens, das Unsichtbare in Angriff nehmen. Verlorenheit, Rastlosigkeit, Zerrissenheit und Heimatlosigkeit drücken nun Alltagsbilder spielender Kinder aus, deren Körper einer bedrückenden Finsternis entsteigen.

„Schwarzweiß-Fotos sind die Magie des theoretischen Denkens, denn sie verwandeln den theoretischen linearen Diskurs zu Flächen. Darin liegt ihre eigentümliche Schönheit, die die Schönheit des begrifflichen Universums ist“, hat der Philosoph Vilèm Flusser geschrieben. Mehr als jeder andere Fotograf arbeitet Pellegrin an abstrakten Begriffen. So reduziert er die Wirklichkeit mitunter auf wenige Elemente, so dass das Übriggebliebene zur Metapher wird – zur Metapher der vom Krieg zerstörten Kultur. Immer bedeuten seine dramatischen Kompositionen viel mehr, als sie benennen: An- und Abwesenheit von Licht, Schwärzen und Schatten, gezielte Unschärfen, optische Überschneidungen, Lichtreflexionen und stürzende Horizonte.

Nach dieser Einführung werden die Schüler sich selbst und zwei Filmrollen überlassen. Am Ende soll so etwas wie eine Reportage über die Bundesministerien entstehen. Vier Stunden ist jeder allein mit einer Leica und einem Weitwinkel-Objektiv – und mit Pellegrins Kriterien im Hinterkopf. Das soll ein Witz sein, denkt man, und kettet im harten Licht der Mittagshitze das Fahrrad los. Pellegrin selbst nämlich lässt sich auf ein Projekt gar nicht ein, wenn er nicht mindestens ein Jahr daran arbeiten kann. Die Balkan-Ausstellung ist Ergebnis einer zweieinhalb-jährigen Auseinandersetzung. Um die Folgen von AIDS in den Entwicklungsländern zu schildern, brauchte er noch länger. So fesselte ihn nie ein einzelner Krieg, sondern der Krieg schlechthin und was er Menschen antut. Aber da einem keine Zeitung der Welt zwei Jahre Arbeit bezahlt, nur um dann ein paar Bilder zu drucken, lebt Pellegrin von Stipendien. „Es ist, wie sich verlieben, wenn man ein neues Thema findet. Man setzt sich damit auseinander, verwächst mit ihm und irgendwann ist das persönliche Leben von dem fotografischen nicht mehr zu trennen." Die Workshop-Teilnehmer kämpfen derweil gegen die Zeit. Und man ahnt: Zwei Filme reichen niemals für eine komplette Reportage. Höchstens für ein paar gute Bilder. Verschwitzt und in dem Bewusstsein, dass auch acht Jahre vermutlich viel zu schnell umgehen, kehren sie zurück.

Und man fragt sich, warum es gerade die tragischen Themen sind, die Pellegrin fesseln. „Das weiß ich nicht“, behauptet er, doch es klingt wie eine Ausrede. „Naja, ich werde inzwischen gefragt, ob ich in Kriegsgebiete reisen will“, weicht er aus, als ob er es ungern täte. „Nun gut“, sagt er endlich, um etwas hinzuzufügen, das dem gängigen Klischee des adrenalinsüchtigen Kriegsreporters so gar nicht entsprechen mag. „Der Krieg bringt eine Menge Grausamkeit und niedere Eigenschaften in den Menschen hervor. Aber zugleich verstärkt er in demselben Maße hochentwickelte, eherne Eigenschaften wie Mut, Stärke, Treue, Würde. Und danach suche ich.“ Es klingt ein wenig unterwürfig, wenn er schließlich fortfährt: „Ich weiß nicht, ob ich dem mit meinen Fotos gerecht werden, Antworten geben kann.“

Am nächsten Morgen sitzt er mit nassen Haaren am Leuchttisch, denn nur im Krieg steht er früh auf. „Stürzende Horizonte machen nur dann Sinn, wenn sie eine Beziehung zum Bildinhalt eingehen“, kritisiert er, während er die Dias der Teilnehmer durchsieht. Er möchte alle Bilder sehen, auch die misslungenen, denn er will herausfinden, wie sich das Sehen, das Gespür für eine Situation entwickelt. „Ihr müsst auf die Momente warten, länger an einer Stelle ausharren, wenn eine Begebenheit euch interessant erscheint.“ Immer wieder beugt sich der 38-Jährige mit der Lupe hinunter. Bleibt selbst gelassen, wenn ein störendes Element am Bildrand das Foto verdirbt. Ausschnitte vergrößern zählt nicht, nur das ganze Negativ gilt. Das ist alte Magnum-Tradition. Es gefällt ihm, wenn sich aus tiefen Schatten plötzlich Schemen ergeben, Bilder uneindeutig und mehrschichtig sind.

Pellegrin mag zwar einsam sein, „da draußen“, wie er sagt, doch ein Wolf ist er nicht. Er sucht die Kommunikation. So macht er auch seine Fotos, in dem er in Gegenden, in denen ihn niemand kennt, mit einem Blick Kontakt aufnimmt, einige wenige Worte wechselt, eine Zigarette anbietet. Und diesen Austausch sucht er auch im Workshop, will von allen wissen, was sie machen, was sie umtreibt. „Manchmal gelingt es, etwas wachzurufen in jemandem, der dann damit weiterarbeiten kann.“ Und damit ist er nicht nur ein guter Fotograf, sondern auch ein wertvoller Lehrer.

Bei uns Schülern erlahmt das Denken längst nach so vielen Bildern. Nur Pellegrin scheint nichts zu brauchen. Er sitzt an seinem Leuchttisch und raucht seine spindeldürren Selbstgedrehten, ascht in eine Filmdose. Innerhalb von fünf Stunden sieht er ohne Pause an die 1000 Bilder an. Und man gewinnt eine Ahnung von seiner Beharrlichkeit. Erst als er aufblickt, aufsteht, sich reckt, ganz zum Schluss, sieht man, dass ihm die Augen tränen.

„The Balkans – Traces Of War“, bis 31.8, Landesvertretung Rheinland-Pfalz.

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