Kultur : Die Macht der großen Bilder

KATRIN BETTINA MÜLLER

Selbst auf Engel ist kaum noch Verlaß.In den Bildern von Bernhard Heisig tragen sie den schwarzen Anzug des modernen Schreibtischtäters und flattern mit den Rockschößen.Auch wenn sie die Trompete zum jüngsten Gericht blasen, bleibt fraglich, ob man sie hört.Denn unter ihnen dröhnt die Propagandamaschine von Lautsprecherbatterien und Plakaten, die nichts als schreiende Münder zeigen.Da ist es schon egal, ob sie um Hilfe flehen oder Sonderangebote ausrufen.Verstehen wird sie die Menschenmenge eh nicht, die nicht vor und zurück kann, die Hälse reckt und die Augen verdreht ("Lautsprechersäule", 60 000 Mark).

Wie soll man da nicht in Panik geraten, angesichts der Enge und des infernalischen Lärms.Der Betrachter von Heisigs Bildern steht immer knapp vor der visuellen Kapitulation.Heisigs Malereien machen nervös, weil in den pastosen Farbkrusten stets mehr an bedeuten- und mitteilen-wollen geronnen ist, als ein einzelnes Bild fassen kann.Die Farbe in ihnen scheint zu kochen und was sich heute identifizieren läßt, ist morgen vielleicht schon wieder verschwunden.

Als ob die Verzweiflung über die Grenzen des malerisch Mitteilbaren ihm keine Ruhe ließe, setzt Heisig wieder und wieder an, knetet seine Motive durch wie einen Morast, der ihn nicht freigibt.So tauchen Anschlagsäule und Lautsprecher-Turm schon im Bild "Mißbrauchte Götter" von 1968 auf, aber auch in "Zeit und Leben", Heisigs Historienpanorama in der Cafeteria des Reichstags.Dieser Auftrag, der in Bildern in der Galerie Berlin wieder aufgenommen wird, löste eine Diskussion über seine Vergangenheit als Hitlerjunge und Kulturfunktionär in der DDR aus.Seine Bilder können gegenüber diesen biographischen Vorwürfen nicht als Entschuldigung dienen; aber der Strudel, in den sie ihre Protagonisten reißen, weiß freilich wenig von Entscheidungsfreiheit und kennt nur die Erzählung von Bedrängnis.Ihre Täter, selbst noch auf der königlichen Ebene des Alten Fritz, zeigt Heisig fast immer in aufgezwungenen Rollen, Opfer der Macht der großen Bilder.

Das Kapital der Utopien ist in Heisigs Bildern der neunziger Jahre verspielt.In "Fliegen lernen im Hinterhof" (180 000 Mark) nimmt Heisig, der nicht weit von Otto Lilienthals ersten Luftsprüngen entfernt sein Atelier hat, die Flugmaschine als Metapher des Freiheitswunsches auf.Doch eingezwängt zwischen düstren Hinterhofwänden, wird sich das Gerät niemals in die Höhe schrauben können, und so rasieren die Füße und Schenkel der in die Flügel Gekrallten schon jetzt die Köpfe der Zuschauer beinahe ab."Der verbrauchte Ikarus" spielt dann schon nach der Bruchlandung.Ein Spruchband "Du stirbst für Dich, Deine Leistung wird Dir gestrichen, Es wird Dir nicht zugesehen" ist eingeschoben, um die Bildrhetorik zu stützen.Hier macht sich einer zum Sprecher derer, die sich aus der Leistungsgesellschaft verdrängt fühlen.

Ruhiger oder versöhnlicher ist der 1925 geborene Maler nicht geworden.Doch gerät mit der Zeit die Stilisierung als zorniger alter Mann, der unverdrossen kritisch bleiben will, etwas zur Pose.Man erwartet ja gar nichts anderes mehr von seinen Bildern, als routiniert den Finger auf die schmerzenden Stellen der Geschichte zu legen.Da beschleicht einen manchmal der Verdacht, daß Heisig politische Vergehen, Schuld und Irrtümer in seinen Bildern aufzählt wie ein moralisches Kapital und nicht merkt, daß er schon von den Zinsen lebt.

Galerie Berlin, Friedrichstraße 231, bis 10.Juli; Dienstag bis Freitag 11 - 18 Uhr, Sonnabend 11 - 14 Uhr.

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