Kultur : Die Macht der Kriege: Von der Wirkung staatlicher Gewalt

Björn Hofmeister

Geschichte vollzieht sich vielfältig, widersprüchlich und konfliktreich. Die Auflösung des Ost-West-Gegensatzes geschah zwar letztlich überraschend friedlich. Doch waren der Kalte Krieg ebenso wie die "Ur-Katastrophe" des Ersten Weltkrieges mit ihrer globalen Dimension auch Ergebnis nationalstaatlicher Auseinandersetzungen und Konkurrenz. Zwei Beobachtungen verdeutlichen den Zusammenhang von Krieg und Staatenbildung in der Moderne: Mit der verstärkten Herausbildung der Nationalstaaten ging die Anzahl der europäischen Staaten von 350 zur Zeit der Französischen Revolution auf rund 20 beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges zurück. Die Verschmelzung von Territorien wurde vor allem im 19. und 20. Jahrhundert oft mit kriegerischen Mitteln erreicht. Der Gedanke eines dauerhaften Friedens in Europa erweist sich angesichts der aktuellen Ereignisse auf dem Balkan weiterhin als trügerisch.

Die Herausgeber des vorliegenden Sammelbandes beklagen eine vermeintliche Vernachlässigung der kriegerischen Konfliktlösung in der Arbeit der Sozialwissenschaft. Sie plädieren mit Vehemenz für eine neue Soziologie des Krieges, die "militärisch-politische Konkurrenz als festen Bestandteil der Neuzeit, nicht bloß als archaisches Überbleibsel in den Blick nimmt".

Um diesen Anspruch wirksam einzulösen, kommt Michael Mann gleich einleitend zu Wort. Bereits seit einiger Zeit bemüht er sich um eine umfassende Erklärung von gesellschaftlichen Machtgeflechten und der Entstehung von Krieg. Er versucht, historisch zu zeigen, inwieweit Klassen einen aggressiven Nationalismus zwischen den Staaten und die Kriegsbereitschaft politischer Entscheidungsträger stützten.

Theda Skocpol geht dem Zusammenhang von Gewaltanwendung und sozialen Revolutionen nach. Ist der generalisierende Blick zwar nicht immer überzeugend, so klingt das Fazit doch interessant: Die stärksten Staaten seien immer dann entstanden, wenn "die geopolitischen Umstände es den neuen Regimen erlaubten oder sogar geboten, sich in langwierige und hohe Opferbereitschaft fordernde internationale Kriege zu verstricken".

Dahinter steht, so Heinrich Haferkamp in seinem Beitrag, die Möglichkeit, die Gesellschaft politisch besser von oben nach unten zu durchdringen. Nicht nur eine erweiterte Steuererhebung für Militärausgaben war angesichts des feindlichen Gegenübers möglich. Vielmehr verstärkte eine potenzielle Bedrohung der Gemeinschaft die Herausbildung einer kollektiven Identität.

Wenn die Ziele des Krieges bei langer Dauer und hohen Verlusten selbst in Frage gestellt wurden, führt Haferkamp aus, konnte beim Auftreten von sozialen oder politischen Krisen der herrschenden Klasse die Legitimität entzogen werden. Die gemeinsame Kriegsanstrengung löste sich dann gleichsam in Fahnenflucht an der Front und Streikbewegungen in der Heimat auf.

Abschließend stellt Edward A. Tiryakian die streitbare These auf, dass der Krieg als Element staatlicher Gewalt über die letzten 200 Jahre zur Demokratie geführt habe. Der Krieg wirkte daher nicht nur technologisch modernisierend und verwischte für die Zeit des Krieges notgedrungen soziale Unterschiede. Vielmehr hätte die Erfahrung von totaler Kriegführung und von Massenvernichtung den Krieg gesellschaftlich moralisiert. Darüber hinaus sei dessen Akzeptanz als legitimes Mittel zur Machtausweitung auch auf diplomatischem Parkett erschwert worden.

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