• Die Macht der Netze: Im Reich der Spinne - Das "Netz" ist der jüngste Mythos der Moderne

Kultur : Die Macht der Netze: Im Reich der Spinne - Das "Netz" ist der jüngste Mythos der Moderne

Richard Herzinger

Mit dem Netz verband sich seit jeher etwas Unheimliches und Bedrohliches. Das Opfer im Webwerk der Spinne stirbt einen qualvollen Tod. Finstere Mächte - Agentenringe, politische und religiöse Geheimbünde oder kriminelle Organisationen - knüpfen unsichtbare Netze, aus denen es kein Entrinnen gibt. Andererseits gehen der Polizei und der Justiz im Idealfall Verbrecher "ins Netz"; nicht selten landen auch Unschuldige darin.

Frühere Fernsehgenerationen gruselten sich bei einer Krimiserie mit dem martialischen Titel "Stahlnetz" - bei dem man nicht genau wusste, ob damit der Einflussbereich der Unterwelt oder die erbarmungslose Allgegenwart des Gesetzes gemeint war.

Das Fangnetz macht die Beute fluchtunfähig; im Fischnetz zappelt die unglückliche Wasserfauna. Vor diesem Hintergrund gewinnt die Metapher vom "Menschenfischer" für den Apostel, der die so lange Verirrten dem wahren Glauben zuführt, bedenklichen Doppelsinn. Das Gleichnis trifft die Ambivalenz, die im Bild vom Netz mitschwingt: Es symbolisiert neben Gefangenschaft auch Geborgenheit und Rettung. Das Stromnetz liefert Licht und Wärme, das Telefonnetz sichert den Anschluss an den Nächsten und Fernsten. Das soziale Netz bewahrt vor dem Absturz ins Elend. Wer dagegen ohne Netz und doppelten Boden agiert, lebt gefährlich.

Seit einigen Jahren transportiert der Begriff Netz eine neue, von Vieldeutigkeit gereinigte, frohe Botschaft. Seit der Anschluss ans Internet von Wirtschaft und Politik zum Kriterium für die Zukunftsfähigkeit eines Individuums oder eines Unternehmens erhoben wurde, gilt es als unzweifelhaft erstrebenswert, "im Netz" zu sein. Mehr noch, wenn man sich mit dem virtuellen Ganzen "vernetzt", darf man sich gleichzeitig als Bestandteil eines einzigen, großen Gewebes fühlen. In den apokalyptisch gestimmten Achtzigern hätte eine Vokabel wie Vernetzung noch orwellianische Endzeitvisionen ausgelöst.

Politiker mit progressivem Netzwerk

Längst hat die neueste radikal positive Aufwertung der Netz-Metaphorik auch die Sprache der Politik erfasst. "Progressives Netzwerk" nennt sich etwa ein informeller Kreis von vierzehn Regierungschefs der "linken Mitte" um Tony Blair und Gerhard Schröder. Das Schlagwort ist dem erstrebten Image dieser Repräsentanten eines "modernisierten" Politikverständnisses gemäß gewählt. Nach ihrer Auffassung soll Regieren nicht mehr als zentrale Lenkungs- und Verordnungstätigkeit, sondern als Moderation selbsttätiger Kräfte in der Gesellschaft verstanden werden. Die Bezeichnung Netzwerk signalisiert dabei eine nichthierarchische, dezentrale Struktur, zwanglos und flexibel organisiert.

Nicht alle erinnern sich daran, dass der Begriff "Netzwerk" zuerst von der alternativen Linken der siebziger und achtziger Jahre popularisiert wurde. Umschrieben wurde damit der Anspruch, eine auf gleichberechtigter Kooperation statt auf Ausbeutung, Autorität und Unterordnung basierende Gegenökonomie zu begründen und eine herrschaftsfreie Gegenöffentlichkeit auf der Basis von Freiwilligkeit und Autonomie zu schaffen. Heute bedient sich die offizielle politische Rhetorik dieses ursprünglich subkulturellen Konzepts. Unterschlagen wird in dieser Bildlichkeit, dass das Netz ja eigentlich ein produziertes Ding ist, dessen Existenz die absichtsvolle Tätigkeit eines Herstellers vorausetzt, und das von seinen Anwendern für ganz gezielte Zwecke eingesetzt wird. Das Netz in der euphorischen Bedeutung soll aber offenbar ein sich selbst knüpfendes Gebilde mit beweglichen Elementen sein, die sich zu immer neuen Anordnungen gliedern. Es wird so letzlich zum Synonym für das Weltganze.

Diese Vorstellung von der Welt als sich selbst webendes Gewebe hat tiefe Wurzeln in mystischen und pantheistischen Denkfiguren. Die idealistische und romantische Philosophie, von Spinoza bis Schelling, übersetzte sie in die Denkkategorien der Moderne. Dass die Welt ein von göttlichem Walten durchdrungenes, von unsichtbaren Fäden zusammengehehaltenes Ganzes sei, vernehmen wir etwa auch in Goethes "Faust". Dieses Welterklärungsmuster eignet sich heute zur metaphorischen Überhöhung einer gesellschaftlichen und ökonomischen Realität, in der die kausalen Wechselwirkungen von Subjekt und Objekt, von "Basis" und "Überbau" nicht mehr deutlich erkennbar sind, und sich alle Strukturen in fließende, unergründliche Prozesse aufzulösen scheinen.

Auch Audi will "das Ganze entdecken"

Dabei geht der wissenschaftlich-technologische Fortschrittsoptimismus eine eigenartige Synthese mit alten organizistischen Ganzheitlichkeitsvorstellungen ein, die dem Ideenfundus der Lebensphilosophie des frühen 20. Jahrhunderts entstammen. Für diese war "das Leben" ein aller reflektierenden Rationalität vorgängiges, quasi-spirituelles Wirkungsprinzip, das den Zusammenhalt von Geist und Seele, Begreifen und Erfühlen sicherte.

Im Zeichen der Esoterikwelle und ihrer Suche nach ersatzreligiösen Glaubenssicherheiten haben derartige holistische Weltauffassungen Hochkonjunktur. Die Wirtschaft macht sich den Boom zunutze: Organologische Metaphern von Ganzheitlichkeit dienen Konzernen heute zur Entwicklung von Corporate Identity. So wirbt Audi mit dem Slogan: "Das Ganze endecken." Die Autofirma hat sich vor Jahren ein integriertes Vermarktungskonzept zugelegt, dessen ideelle Leitlinien stark an das anthroposophische Konzept Rudolf Steiners erinnern. Die neuen Automodelle weisen nur noch geschwungene Linien auf; die Audi-Verkaufsfilialen sind streng einheitlich mit mit einem abgestimmten Design aus künstlichen und natürlichen Materialien gestaltet, deren harmonisches Miteinander den Gleichklang von Natur und Technik symbolisieren sollen.

Kernmetapher solcher Synthetisierung von romantischer Alleinheits-Phantasie und instrumenteller Rationalität ist die Vernetzung: Sie suggeriert, alle noch so gegensätzlichen Erscheinungen - Natur und Technik, Wissen und Glauben, Mystik und Erkenntnis, Rationalität und Intuition - wüchsen aus einem einzigen Ursprungskern und ließen sich im 21. Jahrhundert zu einem großen, harmonisierenden Gemeinschaftskörper verschalten. Dies war auch die Leitidee der Berliner Millenniumsausstellung "Sieben Hügel": Ihre scheinbar willkürlich zusammengetragenen Exponate aus allen Epochen, Bereichen und Regionen menschlichen und natürlichen Wirkens gruppierten sich um das riesige Modell des Erdkerns, aus dem alle Bestrebungen erwüchsen.

Mit Blick auf die Fortschritte der Wissenschaft, namentlich die Entschlüsselung des Genoms, wurde die baldige Entdeckung der Weltformel prophezeit. Das postmoderne Anything goes wurde hier mit einer Metaphysik versehen: Beliebigkeit begründet sich aus der Vorstellung, dass alles Teil eines einzigen Zusammenhangs, daher gleich gültig und aus seiner blossen Existenz heraus legitimiert sei. Neo-Mythisches Assoziieren ersetzt in dieser modernisierten Aufmachung rationales Analysieren, das auf Unterscheidung und Trennung basiert.

Die Machbarkeit einer "organischen Moderne", in der sich die neueste Hochtechnologie gleichsam mimetisch in den Rhytmus des ewigen Naturkreislaufs einschmiegen soll, war auch die ideologische Grundidee der Expo. "Technik und Natur artikulieren sich gleichermaßen", hieß es zum Beispiel in der Information über das architektonische Konzept des Deutschen Pavillons. Hervorgehoben wurden die "weichen Formen" des Gebäudes: Dessen Grundrißfiguren "befreiten" sich von der "harten Geometrie" und bildeten "allesamt große, zusammenhängende Schwünge". Die "offene Transparenz" des Baus mit seinen weich geschwungenen Glasfassaden lasse "Reflexionen" zu, in denen sich "Himmel und Erde, oben und unten, überlagern und vertauschen".

Die Maxime ewiger Kommunikation

Die Schwingungen, die eine solche bevorstehende große Kommunion der Elemente mit den Produkten der "zweiten oder sogar schon dritten technologischen Revolution" (Expo-Konzept) plausibel erscheinen lassen, entstammen freilich keinem metaphysischen Geist. Das Gefühl der Verbundenheit von allem mit allem wird vielmehr durch die Omnipräsenz einer medialen zweiten Wirklichkeit erzeugt, in der sich scheinbar zufällig auftauchende Details zwanglos zur Totalaufnahme des großen Weltdramas fügen, Bedeutungsloses und Gewichtiges schwer unterscheidbar ineinander verschwimmen. Weil die Medien ununterbrochen senden, die Informationen pausenlos fließen, stellt sich irgendwann der Eindruck her, alles was gezeigt und gesagt wird, müsse und könne miteinander in irgendeiner geheimen Korrespondenz stehen.

Mit dem Zauberwort Vernetzung avanciert die Maxime totaler Kommunikation zur Erlösungsidee: Wenn alle mit allen über alles reden können und der Redefluss nie unterbrochen wird, so will es dieser moderne Glaube, kann es im Prinzip keine unlösbaren Probleme, keine unüberbrückbaren Gegensätze mehr geben. Das ist nicht zuletzt das Prinzip der täglichen Talkshows und klaustrophiler Unterhaltungsshows wie "Big Brother", in denen das Kommunizieren - oder genauer: die Erwartung des alle Rätsel enthüllenden, kommunikativen Aktes zum Selbstzweck und permanenten Ereignis wird.





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