Kultur : Die Macht der Sanftmut

Eine andere Haltung zur Welt muss möglich sein: Thomas Strässles Essay über die Gelassenheit.

Sebastian Kirsch

Ein Quäker wird auf dem Heimritt von einem Räuber überfallen und gezwungen, sein wertvolles Pferd gegen dessen klapprige Mähre einzutauschen. Der Quäker leistet keinen Widerstand, aber nach dem Pferdewechsel lässt er den Räubergaul nach Belieben traben und folgt ihm in aller Seelenruhe: Nach einer Weile schlägt das Tier den Weg zu seinem gewohnten Futterstall ein, wo der Quäker sich nach dem Besitzer erkundigt. Am nächsten Morgen sucht er das Haus auf, das man ihm gesagt hat, bittet den verschreckten Räuber höflich darum, den unfairen Tausch rückgängig zu machen und zieht mit seinem guten Pferd davon.

Diese Anekdote, die Johann Peter Hebel als Vorlage für seine Kalendergeschichte „Der listige Quäker“ diente, stand Anfang des 19. Jahrhunderts im „Provinzial-Blatt der Badischen Markgrafschaft“, hier allerdings unter dem Titel „Gelassenheit“. Tatsächlich lässt sich an der Handlungsweise des Quäkers ablesen, worin das Faszinosum der gelassenen Haltung liegt: Sie kann eine eigentümliche Form der Souveränität entfalten, die ihre Kraft daraus bezieht, Dinge geschehen zu lassen. Sie vermischt nachgiebige Freundlichkeit mit unerschütterlicher Bestimmtheit. Allgemeiner gesprochen, bewegt sie sich in einem paradoxen Zwischenreich, in dem Aktivität und Passivität nicht mehr recht zu unterscheiden sind.

Der Zürcher Literaturwissenschaftler Thomas Strässle, der der Quäkergeschichte in seinem lesenswerten Essay über die „Gelassenheit“ als einer „anderen Haltung zur Welt“ ein eigenes Kapitel widmet, spricht darum von der „Macht der Sanftmut“. Ihr versucht Strässle auf die Spur zu kommen. Dabei stößt er auf weitere Paradoxien. Vor allem taucht die Frage auf, wie ein Zustand positiv definiert werden kann, der hauptsächlich durch Abwesenheiten bestimmt wird: von Spannung, Stress, Erregung, Überforderung. Zu Recht wandelt Strässle darum Augustinus’ Bemerkung über die Zeit ab: Wenn man das Wort verwendet, weiß man, was gemeint ist – sobald man es aber erklären soll, wird es schwierig.

Um dennoch zu möglichen Bestimmungen zu kommen, befragt Strässle eine Reihe von literarischen und philosophischen Texten, die, wenn man von Heideggers „Gelassenheits-Rede“ sowie kurzen Ausflügen zu Robert Walser und Peter Sloterdijk absieht, alle vor dem 20. Jahrhundert entstanden sind. Das mag der Tatsache geschuldet sein, dass das 20. Jahrhundert wenig Anlass zur Gelassenheit gegeben hat, während unsere Gegenwart die gelassene Haltung wiederum vor allem als erwünschten Gegenzustand zur Getriebenheit des „flexiblen Menschen“ verstehen möchte, ein Wunsch, der nicht zuletzt die Konjunktur buddhistischer Weisheitslehren erklärt.

Strässle setzt sich also mit gutem Grund von Gelassenheitsmoden aller Art ab, um in den historischen Materialien die wirkliche Brisanz des Begriffs auszuloten. Zum Beispiel die theologisch heikle Tatsache, dass Meister Eckhart, in dessen mystischen Reflexionen das deutsche Wort „gelazenheit“ erstmals überhaupt auftaucht, die Notwendigkeit des „Lassens“ so weit trieb, dass er behauptete: Der Mensch muss sogar Gott um Gottes willen lassen, um sich mit ihm vereinigen zu können. Oder die Schwierigkeit, das Einverständnis der gelassenen Haltung klar von jener zynischen Indifferenz zu unterscheiden, die etwa Goethes „Faust“ meint, wenn er Mephisto an den Kopf wirft: „Du grinsest gelassen über das Schicksal von Tausenden hin!“

„Und jetzt?“, fragt Strässle am Ende – wie könnte eine heutige Ethik der Gelassenheit aussehen? Eine Schlussfolgerung besteht darin, die Geste des Abschieds, die im „Lassen“ der Gelassenheit immer mitschwingt, als Potenzial zu verstehen: Akzeptiert man, dass sich nichts auf Dauer halten lässt, tritt man in ein Verhältnis mit der Welt, in dem man den anderen weder vereinnahmen noch zerstören muss und ihm dennoch mit existenzieller Offenheit begegnen kann.

Speziell die Herausforderungen der Freundschaft und der Liebe setzen darum ein gelassenes „Vielleicht“ voraus, das man sich freilich immer wieder neu erarbeiten muss. Sebastian Kirsch

Thomas Strässle: Gelassenheit. Über eine andere Haltung zur Welt. Hanser,

München 2013.

144 Seiten, 17,90 €.

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