Kultur : Die Macht des Mitleids

Er hat das Theater revolutioniert, wurde als Nationaldichter gefeiert und bekam den Nobelpreis. Doch sein Ruhm ist verblasst: Zum 150. Geburtstag von Gerhart Hauptmann.

Moritz Reininghaus

Gerhart Hauptmann war sich seiner Langzeitwirkung sicher: „Hauptsache ist, die ,Weber’ haben ein hundertjähriges Dasein garantiert erhalten“, meinte er im März 1892 angesichts des Verbots seines Dramas durch die preußische Zensur. Anlässlich seines 150. Geburtstags am morgigen Donnerstag muss man feststellen, dass sich seine Hoffnungen auf eine dauerhafte Wirkung nicht erfüllt haben: Wer heute in Buchhandlungen nach ihm sucht, wähnt sich eher auf den Spuren eines Vergessenen als auf denen eines Nationaldichters. Auf der Bühne sieht es besser aus. Die Regisseure Einar Schleef (in Frankfurt am Main) und Frank Castorf (an der Berliner Volksbühne) haben in den 80er und 90er Jahren wegweisende Hauptmann-Inszenierungen geschaffen. Am Deutschen Theater Berlin ist mit den „Ratten“ in der Regie von Michael Thalheimer eine eindrucksvolle zeitgenössische Interpretation im Repertoire. Zu den Vielgespielten zählt Hauptmann generell aber nicht.

Dabei sah es zunächst so aus, als ob sich Hauptmanns Zukunftsglaube bewahrheiten sollte. Noch zu seinem 100. Geburtstag 1962 verwies der Kulturminister der DDR, Hans Bentzien, stolz auf die „lebendige Beziehung zu Hauptmann und seinem Werk“ und sah sogar die „Hoffnungen“ des 1946 verstorbenen Dichters im realsozialistischen Staat erfüllt. Im Westen dagegen bröckelte zu dieser Zeit das Dichterdenkmal bereits und der Aufruf des Schweizer Schriftstellers Max Rychner, die „Gleichgültigkeit und ein auf ihr wuchernder Hochmut“ Hauptmann gegenüber kritisch zu überwinden, „damit er wieder – und endgültig – unser werde“, verhallte letztlich ungehört.

Nun hat sich der Berliner Germanist Peter Sprengel mit wohltuend kritischer Distanz in einer gewaltigen Biografie dem Schriftsteller genähert. Selbst wenn das Buch kaum zu einer Renaissance des Gesamtwerks führen wird, hat Hauptmann damit eine historische Einordnung erfahren, die weiträumig auch sein geistiges und persönliches Umfeld einbezieht.

So berichtet Sprengel von einer vom schlesischen Pietismus und einem verarmten Elternhaus geprägten Jugend, von einem jungen Mann, der nach sozialer Anerkennung heischt und bei dem die Enge einer nach der abgebrochenen Schule begonnenen Landwirtschaftsausbildung Fantasie und künstlerische Kreativität freisetzt. In einem Breslauer Biergarten vollzieht sich dann „die Geburt als Persönlichkeit“, als Hauptmann erkannte, dass alle menschliche Institutionen gedanklich hinterfragbar sind, worin der Biograf den Beginn von Hauptmanns „auf utopische Ziele gerichtetem Engagement“ sieht. Es sei jedoch, so Sprengel, ein „negativer Utopismus“ gewesen, der Hauptmann ab 1884 auch in Berlin zu den Brennpunkten des sozialen Lebens führte.

Warum sich Hauptmann dann aber mit den Vertretern des Hauses Hohenzollern, die zuvor seine Stücke verboten und ihn als Künstler zutiefst gekränkt hatten, an einen Tisch setzte, ist für den Biografen auch mit der „tiefen Unsicherheit“ des in jungen Jahren mehrfach Gescheiterten kaum zu begründen. Dagegen erklärt er Hauptmanns Verhältnis zur Politik. Vehement leugnete der 1912 mit dem Nobelpreis ausgezeichnete Dichter stets ein direktes politisches Ansinnen seiner Werke. Als „Mitleidsdramaturgie“ bezeichnet Peter Sprengel „Die Weber“ deshalb treffend, die in der Inszenierung von Hauptmanns großem Förderer Otto Brahm nur noch Projektionsfläche für „bürgerliche Rührseligkeit“ gewesen seien. Eine politische Lesart ist für Sprengel also schlicht ein „Missverständnis“.

„Ich stehe so in der Mitte“, erklärte Hauptmann 1920 dazu in einem Zeitungsinterview. Das Drama ist demnach eher Ausdruck der Poetisierung und Ästhetisierung Schlesiens als politische Darstellung. Die „schlesische Bodenhaftung“ baute Hauptmann, der sein Hauptwerk bereits mit 31 Jahren weitgehend abgeschlossen hatte, später noch aus. Zeitweise versuchte er sich dann vom Naturalismus, dessen populärster Vertreter in Deutschland er lange war, zu lösen – und verpasste doch den Anschluss an die Moderne. Sein Rückzug aus der Gegenwart in die Mystik erreichte ebenso wie gelegentliche naturalistische Rückfälle nicht mehr den Anklang früher Werke.

Irritierend wirkt Hauptmanns Verhalten gegenüber Walther Rathenau. Der Industrielle und spätere Außenminister war über Jahre einer seiner engsten Freunde. Auf dessen Ermordung im Jahr 1922 indessen hat der Dichter zwiespältig reagiert. Für Sprengel eine „unaufhebbare Fremdheit“. Nicht weniger seltsam mutet Hauptmanns Umgang mit familiären Konflikten an, wie eine andere beachtenswerte Neuerscheinung zeigt: der Briefwechsel zwischen ihm und seinem ältesten Sohn aus erster Ehe, dem Maler Ivo Hauptmann.

Vater und Sohn überbieten sich darin, die für eine Scheidungsfamilie zwangsläufigen Konflikte zu umgehen: Gerhart bittet darum, „Muttel“ schöne Grüße auszurichten, Ivo sendet selbige an „Grete“, sprich Margarete Marschalk, die neue Frau seines Vaters. Fällt einer aus der Rolle, bittet er im nächsten Brief um Verzeihung. Gerhart trieb die Sorge um, das „Fluidum, das Dich und mich verbindet“, könnte absterben. Ivo dagegen suchte noch mit über 50 Jahren Schutz unter den Fittichen des berühmten Vaters.

Hauptmann ähnelt darin Thomas Mann, seinem schärfsten Konkurrenten im Streit um die Position als Goethes legitimer Erbe. Beide waren Autodidakten, beide waren „Spezialisten für die Pose“. Da dort aber nur für einen von ihnen Platz war, eskalierte der Streit. Als Mann im „Zauberberg“ Hauptmann dann in der Figur des Mynheer Peeperkorn erkennbar als trinkfesten Holländer karikierte, schrieb Hauptmann wutentbrannt an den Rand seiner Ausgabe: „Dieses idiotische Schwein soll Ähnlichkeit mit meiner Person haben?“ Peter Sprengel verweist süffisant darauf, dass Hauptmann kein Fragezeichen hinter den Satz setzte, und sieht in der Auseinandersetzung letztlich einen symbolischen Vatermord am Vertreter der alten literarischen Generation. In seiner Rede zu Hauptmanns 60. Geburtstag hatte Mann den Konkurrenten mit nicht zu übersehender Ironie noch einen „König der Republik“ genannt. „Ich hasse diese Attrappe, die ich verherrlichen half“, notierte er dann am 9. Mai 1933 in sein Tagebuch. Wie für viele Exilanten hatte Hauptmann durch sein Verbleiben im nationalsozialistischen Deutschland auch für Mann jeden moralischen Anspruch verloren.

Im „Zauberberg“ griff Mann auch ein Bild aus Hauptmanns Novelle „Der Ketzer von Soana“ auf. Darin ergießt sich ein Wasserfall, der „mit seinem Rauschen eine immerwährende Musik“ ist. In Manns Roman gibt es ebenfalls einen Wasserfall – eine „Dauerkatastrophe aus Schaum und Geschmetter“. Am Rand steht mit „weißem Flammenhaupt“ Mynheer Peeperkorn und brüllt gegen den Lärm an. Doch seine Worte verhallen, „als würden sie in luftleerem Raum gesprochen“. Treffender kann man Gerhart Hauptmanns Stellung auch heute nicht beschreiben.

Peter Sprengel: Gerhart Hauptmann. Bürgerlichkeit und großer Traum. C. H. Beck, München 2012. 848 Seiten, 38 €.

„In höchster Berliner Eile …“ Gerhart Hauptmann – Ivo Hauptmann. Briefwechsel. Verlag für Berlin-Brandenburg, Berlin 2012. 268 Seiten, 24,95 €.

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