Kultur : Die Madonna trägt einen Indianerzopf Ethnologisches Museum: neue Sicht auf Amerika

Jens Hinrichsen

Die lateinamerikanische Kolonialzeit ist eine Epoche der Widersprüche. Grausam gingen die spanischen Eroberer gegen die Indianer vor. Zwar hispanisierten sie den Halbkontinent, aber sie nahmen dabei vielfach Bezug auf Bilder der Eingeborenen. Dass im gegenseitigen Aneignungsprozess etwas Neues entstehen konnte – unter den Vorzeichen von Unterdrückung und Genozid –, daran mochten Völkerkundler in den Siebzigerjahren nicht glauben. Die Skepsis schlug sich in der Dauerpräsentation südamerikanischer Archäologie im Ethnologischen Museum Berlin nieder. Nun wird sie unter dem Titel „Koloniale Kunst aus Lateinamerika“ ergänzt: mit Kultgegenständen, Herrscherstammbäumen und Gemälden aus dem 16. bis 19. Jahrhundert, die aus dem Depot stammen oder hinzugekauft wurden. Ein erster Schritt zur Umgestaltung der ständigen Ausstellung ist damit getan.

Schon mit der tiefroten Wandfärbung nimmt man Abstand zu den eher aseptischen Nachbarräumen mit Exponaten der Mayas, Inkas und Azteken. Auch in den Texten des Ergänzungsraums und im Katalog herrscht ein neuer Ton. Die Wissenschaftler des Ethnologischen Museums und der Freien Universität regen darin an, die simplifizierende „Vorstellung von ,Eroberern und Eroberten’“ zu überwinden und in den zuvor mit Skepsis betrachteten Exponaten „Zeugnisse einer neuen Kultur“ zu erkennen.

Das Vertrackte an dieser Kultur der Fusionen und Transformationen besteht darin, dass sie nicht ohne weiteres zu erkennen ist. Was soll „neu“ sein am goldgefassten Hausaltar im Stil des ekuadorianischen Barock mit der wie üblich rot-blau-weißen Madonna im Zentrum? Zufällig spielten die Farben der christlichen Allegorik auch in der Inka-Tradition eine besondere Rolle. Die Marienverehrung wurde daher von den Einheimischen übernommen und doch anders interpretiert. Auf dem Ölporträt der „Virgen de Latacunga“ (1706) ist die strahlenumkränzte Maria sogar eine von ihnen: dunkelhäutig, mit indianischer Zopffrisur.

Umgekehrt bekamen die bildtragenden „kerus“, die peruanischen Trinkgefäße aus Holz, einen iberischen Stempel aufgedrückt. Die politische Funktion als Bindeglied zwischen inkaischem Adel und Volk war den Kultbechern genommen, aber ihren sozialen Wert behielten sie. Die zuvor noch geschnitzten Muster auf den Bechern wurden in spanischer Zeit fortan farbkräftig aufgemalt. Die aus dem Abendland importierte Maltradition bestimmte auch die Genealogiedarstellungen der Inka-Könige, deren Abbilder nicht zu verbannen waren, obwohl die spanische Krone sie in Zeiten politischer Auflehnung beschlagnahmte. Dann waren die Sonnensöhne wieder gut zu gebrauchen: Das Museum breitet eine vollständige Ahnengalerie der 14 Inka-Herrscher aus, mit einer Ergänzung. Auf den 1532 hingerichteten Atahualpa folgt der Eroberer Francisco Pizarro – auf diese Weise wurde er zum Erbfolger erklärt.

Ethnologisches Museum, Lansstr. 8 (Dahlem), Di–Fr 10–18, Sa/ So 11 –18 Uhr. Katalog 15 €.

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