Kultur : Die Männer der Nation - eine Geschichte der Afroamerikaner in den USA

Jürgen Scheunemann

Es gibt heute amerikanische Historiker, die verzweifelt nach einem "Chinese American" suchen, der während der Revolution 1776 eine wichtige Rolle gespielt haben könnte. Bislang sind sie nicht fündig geworden, so müssen Tausende von asiatisch-amerikanischen Studenten ohne eine historische Identifikationsfigur auskommen.

Nun gibt es Textbände wie das vorliegende Buch von John Hope Franklin und Alfred A. Moss Jr., die sich herzlich wenig um die political correctness scheren, und zwar nicht, weil sie neue Einblicke in traditionelles Geschichtsdenken gering achteten, sondern weil zumindest der legendäre John Hope Franklin, Vater der schwarzen Geschichtsschreibung dieses Jahrhunderts, bei der Erstausgabe des Buches im Jahre 1947 schon dort war, wo andere amerikanische Minderheiten und ihre Historiker heute noch nicht angekommen sind: Franklin und sein akademischer Ziehsohn Moss erzählen die erstaunlichen Höhen und Tiefen afroamerikanischer Geschichte so selbstbewusst, dabei fesselnd und nüchtern, verbinden Sozial- und Alltagsgeschichte mit Politikanalyse, dass man sich fragt, ob es in der Geschichtswissenschaft jemals eine Methoden- oder Ethniendiskussion gegeben hat.

Dass die beiden Historiker dabei so überzeugend schwarze Geschichte interpretieren, liegt vielleicht an ihrer Nähe zum Objekt ihrer Forschung: Beide sind schwarze Akademiker und auch außerhalb der Universität in afroamerikanische Gesellschaft eingebunden, Franklin als Publizist und - zuletzt - Vorsitzender einer Clinton-Kommission zur Rassenfrage in den USA, und Moss als Priester in der Epsiskopalkirche.

Ihr Buch ist nach sieben Neuauflagen das Standardwerk zum Thema und gehört zur Pflichtlektüre an amerikanischen Universitäten. Nach 25 Jahren liegt nun - auf der Grundlage der aktuellsten US-Version - endlich wieder eine deutsche Ausgabe vor. Der sorgfältigen Übersetzung von Angela Adams ist es gelungen, den sachlichen, gleichwohl unterschwellig emotionalen Ton des Originals ins Deutsche hinüberzuretten.

Die Darstellung beginnt bei den afrikanischen Völkern und dem Sklavenhandel und reicht bis ins Jahr 1992 hinein. Zudem spürt das Buch die zahllosen Einflüsse schwarzer Kultur und Politik auf das "Mainstream-Amerika" nach: Faszinierend ist beispielsweise der Vergleich von karibischer, lateinamerikanischer und amerikanischer Sklaverei; auch die Ausbildung einer frühen, eigenständigen schwarzen Kultur mit starken afrikanischen Einflüssen im 17. Jahrhundert wird beschrieben. Für das 19. Jahrhundert aufschlussreich ist die Wirkung der sogenannten "Talented Tenth", jener intellektuellen Mittel- und Oberschicht in der schwarzen Gemeinschaft, die nicht nur die Afroamerikaner selbst, sondern auch die weiße Politik und weiße Philokraten geprägt hat; schließlich die Triumphe der Bürgerrechtsbewegung und die durch sie ausgelöste Erschütterung Amerikas, die bis heute bei Weißen und Schwarzen nachwirkt.

Erst am Ende merkt der Leser, wie die Autoren ihn am unsichtbaren Faden des amerikanischen Freiheitsgedankens durch schwarze Geschichte geführt haben. Das verrät Können, weil Franklin und Moss sich so dem Vorwurf einer rein pro-schwarzen Auslegung der amerikanischen Nationalgeschichte entziehen, sie aber dennoch im Schlusskapital sehr wohl Anspruch auf die schwarze Vorreiterrolle in dieser säkularen Heilsgeschichte anmelden: "Sie waren die Männer der Nation gewesen, die ständig an die Unvollkommenheit der Gesellschaftsordnung erinnert hatten. ( ...) Um der Rolle Amerikas willen - im eigenen Land - und um des Fortbestands der Welt willen - in Übersee - weiter für die Freiheit zu kämpfen."John Hope Franklin, Alfred A. Moss, Jr.: Von der Sklaverei zur Freiheit. Die Geschichte der Schwarzen in den USA. Ullstein, Berlin 1999. 864 Seiten. 34,90 DM.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben