Kultur : Die Männerfantasie

All American Girl, Himmelsbraut, Opfer, Diva – und selbst im Tod ein Rätsel: Heute vor 40 Jahren starb Marilyn Monroe

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Von Christian Schröder

Vielleicht war sie einfach zu schön für diese Welt. Als man sie in den frühen Morgenstunden des 5. August 1962 - heute vor vierzig Jahren - in ihrem Haus in Brentwood, Los Angeles, fand, lag sie mit dem Gesicht nach unten auf dem Bett. Ihr Gesicht war ins Kissen gedrückt, die Hände lagen neben dem nackten Körper, die Beine waren ausgestreckt. „Der nicht konservierte Körper ist der einer 36 Jahre alten, gut entwickelten, gut ernährten weißen Frau, Gewicht 117 Pfund und Größe 1,65 m", heißt es im Autopsiebericht. „Der Kopf ist mit gebleichtem Haar bedeckt. Die Augen sind blau. Feste Totenflecken wurden an Gesicht, Hals, Brust, Oberarmen und der rechten Seite des Unterleibs festgestellt." Auf dem Nachttisch fand sich ein ganzes Arsenal von Medizinfläschchen und Tablettenröhrchen, der Tod war als Folge einer Nembutal-Konzentration von 4,5 mg % im Blut eingetreten.

Marilyn Monroe hatte sich mit einer Überdosis Schlaftabletten aus dem Leben verabschiedet. Bis heute halten sich Gerüchte, sie sei in Wirklichkeit ermordet worden: von der Mafia, vom FBI oder von den Kennedy-Brüdern, deren Geliebte sie gewesen war. Die Spekulationen sind Teil einer makabren Monroe-Folklore, folgen aber auch einem biografischen Muster. Marilyn, das Opfer. Ihre Schönheit galt als so makellos, dass sie mehr die Verkörperung einer Fantasie als ein wirkliches Lebewesen zu sein schien. Männer sahen sie als „sexuelles Naschwerk" (Norman Mailer), darin unterschied sich der Präsident der Vereinigten Staaten, der sie zum Tete-à-Tete in die Strandvilla eines Freundes einfliegen ließ, nicht von dem Autopsiearzt, der ihre „gut entwickelte“ Leiche untersuchte.

Die Liebesbeziehungen der Monroe waren immer schwierig, am kompliziertesten war ihre größte Liebesbeziehung: die mit der Kamera. Eine Verwandlung schien in ihr vorzugehen, sobald sich eine Kamera auf sie richtete, fast war es, als ob sie erst dann überhaupt lebendig würde. Sie war wahrscheinlich die meistfotografierte Frau ihrer Zeit. Bevor sie 28 Filme drehte, war sie bereits mehr als 100-mal als Model auf dem Cover einer Zeitschrift zu sehen. Von den Mühen, die diese Arbeit des Zur-Schau-Stellens ihr bereitet haben muss, ist in keiner Aufnahme etwas zu spüren. Die scheinbare Natürlichkeit ihres Auftretens war Marilyn Monroes größte Kunst, immer wirkt sie hochgradig sexy und gleichzeitig unschuldig. Am Ende, als die selbstzerstörerischen Züge ihres Lebens auf den Beruf übergriffen, war ihr Versagen vor der Kamera gewissermaßen die Vorwegnahme des nahenden Todes. „Something’s Got To Give“, ihr letzter Film, wurde von der Twentiest Century Fox abgebrochen, nachdem sie an 32 Drehtagen nur zwölf Mal im Studio erschienen war. Siebeneinhalb Minuten wurden fertig von der Komödie, darunter eine berühmte Nacktbadeszene.

„Sie war wie ein Engel, ein höchst irdischer, sexy aussehender Engel, der extra für mich vom Himmel hinabgeschickt zu sein schien“, erinnert sich André de Dienes an seine erste Begegnung mit der Diva, die damals noch Norma Jeane Baker hieß. De Dienes hatte bei einer Agentur ein Model gebucht, das auch zu Nacktaufnahmen bereit sein würde, jetzt stand dieses 19-jährige Mädchen vor ihm, das während des Krieges in einer Rüstungsfabrik in Los Angeles Flugzeugteile zusammengeschraubt hatte. Der Fotograf engagiert die Anfängerin für 100 Dollar die Woche und fährt mit ihr in seinem Buick Roadmaster durch Kalifornien, Nevada, Arizona. Aus dem Shooting wird eine Affäre. De Dienes fotografiert Norma mit aufgekrempelten Hosen im Meer, in Spitzenbluse vor einem Felsen, barfuß auf dem Highway, mit einem Schirm am Strand, ihr Haar, das noch nicht ganz so blond ist wie später, flattert im Wind. Die Posen wirken mitunter linkisch, aber ihr Charme ist hinreißend: ein All American Girl lächelnd auf dem Weg nach oben. Bis zu seinem Tod 1985 hielt der Fotograf den Großteil der Aufnahmen in seinem Archiv unter Verschluss, jetzt sind die Bilder aus dem Jahr 1945 komplett in einem monumentalen Band versammelt (Steve Crist, Shirley T. Ellis de Dienes (Hg): „André de Dienes - Marilyn“, Taschen Verlag, Köln, 240 Seiten, 200 Euro, erscheint Ende August).

Siebzehn Jahre später im Bel-Air Hotel von Los Angeles: Bert Stern wartet fünf Stunden mit einer Kiste 53er Dom Perignon, bis die Monroe zum vereinbarten Fototermin für die „Vogue“ aufkreuzt. Stern und Marilyn arbeiten bis in die frühen Morgenstunden, der Dom Perignon trägt zur Auflockerung bei. „Es gibt kein großartigeres Gefühl, als einen Körper mit der Kamera zu lieben“, schreibt Stern später. „Ich nahm meine Nikon und betrachtete sie durch den Sucher. Mit dem 105-mm-Objektiv konnte ich die Oberflächenstruktur ihrer Schönheit aus nächster Nähe studieren, wie unter einem Vergrößerungsglas. Ihre Haut war fein und durchscheinend, wie reine Seide.“ Stern zeigt Marilyn im kleinen Schwarzen und nur mit einem Gazetuch bekleidet, mit einer Muschelkette, einem Schleier oder einem Glas spielend. Auf manchen Close Ups kann man unter tief hängenden Lidern die unendliche Müdigkeit dieses Gesichts erkennen. Sterns Bilder aus dem Juni 1962, Requiem auf eine überirdisch schöne Frau, sind nun in einer Neuauflage herausgekommen (Bert Stern: „Marilyn Monroe. The Complete Last Sitting“, Schirmer/Mosel Verlag, München, 463 Seiten, 98 Euro).

Die Fotos von de Dienes und Stern sind die ersten und die letzten Bilder der Monroe als öffentlicher Frau. Dazwischen liegen ihr Aufstieg zur Unsterblichkeit mit Filmen wie „Niagara“, „Some Like It Hot“ und „The Misfits“, zwei unglückliche Ehen mit Joe DiMaggio und Arthur Miller, ein Weg in Depression und Einsamkeit. Am Strand von Kalifornien waren André de Dienes und Norma Jeane Baker die Schatten zweier Palmen aufgefallen, die wie ein langgestreecktes „MM“ aussahen. „MM“, das hatte dem Fotografen ein alter Mann gesagt, stünde für „memento mori“, ein gefährliches Initial. An die Schönheit kann nur denken, wer sich ihrer Vergänglichkeit bewusst ist.

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