Kultur : Die Maler des 17. Jahrhunderts ergötzten sich vor allem an toten Gegenständen

JvU

"Nein", sagt Rumpelstilzchen zur Müllerstochter, die mit seiner Hilfe Königin geworden ist und sich nun vor der Bezahlung des Preises drücken will, "etwas Lebendiges ist mir lieber als alle Schätze der Welt." Das war nicht die Ansicht der holländischen Stillleben-Maler, die das ganze 17. Jahrhundert hindurch florierten. Sie ergötzten sich an toten Gegenständen - Willem Heda und Pieter Claesz an vollen Frühstückstischen, Floris van Dijk an Käse, Hubert van Ravesteyn an Tabakspfeifen, Jan Brueghel, Sohn des "Bauernbrueghel" und Bruder des "Höllenbrueghel", an Blumengebinden. Es gab auch lokale Spezialitäten: In der Universitätsstadt Leiden malte man gern Folianten und Bierkrüge, in Utrecht Früchte, im Haag, von wo es nur ein Katzensprung zum Meer ist, tote Fische. Je naturgetreuer die Gegenstände getroffen waren, desto zufriedener waren die Kunden. Der persönliche Krimskrams, den Samuel van Hoogstaaten hinter zwei rote Bänder geklemmt hat, oder die Papiere, die Cornelius Gijsbrechts in eine halbgeöffnete Schranktür steckt, wirken so überzeugend, daß wir versucht sind, uns durch einen raschen Griff an die Leinwand von der optischen Täuschung zu befreien. Und doch sind die meisten Maler der 70 Bilder, die das Rijksmuseum aus aller Welt zusammengeholt hat, nur Experten bekannt. Auch wenn sich der Katalog alle Mühe gibt, sie aufzuwerten - in der Hierarchie der Kunstgattungen nimmt das Stilleben einen der unteren Ränge ein. Wer will, kann in einigen Motiven - Totenschädel, Sanduhr - die alte Vanitas-Symbolik entdecken, die Mahnung, über dem Zechen und Schlemmen das Jenseits nicht zu vergessen. Doch die Symbole der diesseitigen Gaumenfreuden - Austern,, Schinken, Obst und Wein - überwiegen bei weitem. Im Vergleich zu ihren Zeitgenossen Rembrandt, Vermeer und Hals, ja selbst zu Kleinmeistern wie Terborch und den beiden Ruisdaels, wirken die Virtuosen des Rohen und des Gekochten und des Geschirrs, auf dem beide aufgetischt wurden, wie pedantische Tüftler. Aber zu Vermeers Milchmädchen sind es, wenn wir die Ausstellung verlassen, ja nur ein paar Schritte. Der feine Milchstrahl, der sich aus der Kanne in den Topf ergießt, die Brote auf dem Tisch, der konzentrierte Blick der jungen Magd - wie aus einem Stillleben "eines der größten Meisterwerke aller Zeiten" (Ernst Gombrich) wird, das kann man gleich nebenan erleben.Rijksmuseum Amsterdam, bis 19. September. Katalog (auch englisch) broschiert 65 Gulden, gebunden 85 Gulden. Unsere Abbildung zeigt ein Selbst-Porträt mit allegorischem Stillleben von David Bailly aus dem Jahr 1651.

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