Kultur : Die Marokkanerin Farida Benylazid rechnet mit der Klugheit ihrer Frauen

Kerstin Decker

Es war zu einer Zeit, als Männer und Frauen sich noch so unterhielten: "Tochter des Tuchhändlers, sage mir, meine Schöne, jeden Tag gießt du das Basilikum, wieviel Blätter hat das Basilikum?" Ist das uncool. Wer wagte, eine zeitgenössische Antwort zu denken? Aber hier, im Film der Marokkanerin Farida Benylazid ist das ganz anders. Also sagt die Tochter des Tuchhändlers zum Prinzen: "Du bist der Prinz, Sohn des Königs. Du wirst die Welt regieren," (nun übertreibt sie aber) "aber sage mir erst, wieviel Sterne sind am Himmel und wieviel Worte im Koran?" Völlig klar, dass der Königssohn jetzt keinerlei Lust mehr hat, sich mit der Tochter des Tuchhändlers zu unterhalten. Kein Mensch kann immer erst rechnen, wenn er Liebe will.

Farida Benylazid erzählt, was überall auf der Welt mit solch mathematisch begabten Frauen passiert. Irgendwann sitzen sie im Kerker des Prinzen, und der kommt jeden Tag vorbei und fragt: "Tochter des Tuchhändlers, Demütige, die im Keller lebt, sage mir, sind Frauen klüger oder Männer?" Leute, die sich für diese Frage nicht interessieren, brauchen sich diesen Film nicht anzusehen. Und wer die unentwegte Auskunft der Tochter des Tuchhändlers "Die Frauen sind klüger!" der Situation unangemessen findet, der auch nicht.

Die Kritikerin gibt zu, sich über diese Antwort sehr geärgert zu haben. Muß denn die Wahrheit sagen, wer im Kerker sitzt? Hätte die Tochter des Tuchhändlers nicht einfach ein bißchen lügen können: "Mein Prinz, Männer sind klüger!" Dann hätte er sie geheiratet und sie wäre immer noch klüger als er, müßte aber nicht mehr im Keller leben. So bringen sich Frauen immerzu um die Hälfte ihres Daseins, nur weil sie die Männer bessern wollen.

"Die List der Frauen" ist ein recht liebenswerter Film, ein kleines Märchenspiel für Erwachsene, aber er ist hochmoralisch, keine Spur dekadent. Die Frage ist, ob man das aushält. Natürlich siegt am Ende auch hier die überlegene Seite - aber unter welch sagenhaften Opfern! Schön jedoch die Verunsicherung des Prinzen, der in höchster intellektueller Panik einen alten Schriftgelehrten fragt: Können Frauen denken? Und der Alte, es muß ein Sufi sein, antwortet das Unglaubliche: Ja. Und er erklärt dem Prinzen, was die Regisseurin Farida Benylazid wohl den Männern ihres Landes sagen wollte. Dass die Frau kein bloßes Objekt der Begierde, sondern nichts Geringeres als ein Geschenk Gottes sei.Balazs, Eiszeit, Filmbühne am Steinplatz (jeweils untertitelte Originalfassung)

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