Kultur : Die Maschine in uns träumt von Zärtlichkeit

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Der Künstler war vermutlich ein verschlossener Junge. "Ich stellte mir vor, innen hohl zu sein. Der Gedanke, Organe in mir zu haben, machte mich krank", sagt Chris Cunningham in einem Interview. Es wundert wenig, dass er den größten Teil seiner Kindheit im britischen Leakenheath, Suffolk, auf dem Boden liegend verbrachte: mit dem Kopf zwischen Vaters Lautsprecherboxen. Daddys Sammlung entsprach dem, was man damals "Progressive Rockmusik" nannte. Besonders aber hatten es ihm die elektronischen Klangwelten von Vangelis und Tangerine Dream angetan. Und später Kraftwerk und ihre ironischen Zukunftsvisionen von der Menschmaschine. Mit kaum 20 Jahren zog es ihn zum Film. Seine Fähigkeit, Monster und Roboter zu erfinden, kam schon 1990 bei Clive Barkers "Brut der Nacht" zum Einsatz. Auch für "Judge Dredd", besonders aber bei den Teilen III und IV von "Alien". Mit inzwischen 32 Jahren ist Cunningham selbst Regisseur. Seine Filme sind nur drei oder fünf Minuten lang, aber sie haben ihn berühmt gemacht: Videoclips für Madonna, Björk, Leftfield oder Aphex Twin, mit dem ihn offenbar eine künstlerische Seelenverwandtschaft eint. So wie der manische Elektroniker Aphex Twin Töne zu verstörenden Collagen fügt, so zerlegt Cunningham Bilder - und bringt sie zum Tanzen. Für Werbezwecke eignen sich Cunninghams Clips allerdings nicht. So geht es in Björks "All Is Full Of Love" noch vergleichsweise zart zu, wenn zwei identische Björk-Roboter einander küssen und tantrisch umspielen. Cunninghams Arbeiten für Aphex Twin wirken viel brachialer. "Come to Daddy" zum Beispiel spielt in einer englischen Mutanten-Vorstadt der Endzeit: Ein Hund pinkelt gegen einen alten Fernseher, in dem eine Bande von Jugendlichen erwacht; alle mit dem Kopf von Aphex Twin. Bild und Musik entfachen ein Reiz-Bombardement, bei dem brave Kinder unmöglich nebenher ihre Hausaufgaben machen können. Cunninghams Videos sind ein Störfeuer in der globalen MTV-Suppe.

Dennoch wird sein Video "flex", das neben dem Björk-Video und einer kurzen Arbeitsprobe mit Namen "Monkey Drummer" derzeit im Hamburger Bahnhof zu sehen ist, wohl niemals auf irgendeinem Fernsehkanal gesendet. Zuviel Sex. Zuviel Gewalt - 17 Minuten, in denen ein nackter Mann und eine nackte Frau sich zunächst gegenseitig nach Art von Ninja-Kämpfern die Fresse polieren und dann in einem kurzen, animalischen Akt eine Art kosmischer Entladung erleben, über deren Bilder der sämige Synthie-Sound von Aphex Twin träufelt. Das alles hätte "rein gar nichts zu sagen", stellte ein britischer Journalist fassungslos fest. Stimmt nicht ganz. Cunningham zeigt Dinge, die in der modernen durchgenormten Warenwelt nicht gern gesehen werden. Bauch, Falten, Narben, Hautunreinheiten. Bei ihm trägt der normale, unperfekte Mensch seine Unvollkommenheit wie eine Waffe - und wirkt im Gegensatz zu den allgegenwärtigen Photoshop-optimierten Anziehpuppen so sicher wie ein Reptil im schützenden Panzer. Allein dafür muss man Cunningham mögen.

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