Kultur : Die Maske des Kellners

CHRISTINA TILMANN

Der erste Lacher sitzt, sobald der Darsteller die Bühne betritt.Der Grund: Seine Pappmaske mit Kulleraugen, Segelohren und Himmelfahrtsnase, eine Mischung zwischen Schweinchen Dick und Astrid Lindgrens Rumpelwichten.Ohne daß sich ein Gesichtsmuskel regt, wird sie im Laufe des Abends Vorwitz, Blasiertheit und unendliche Trauer ausdrücken.Bloße Einbildung? Nein, Phantasie, die sich entzündet an einem Spiel, das die steinerne Unbeweglichkeit eines Buster Keaton mit der quirligen Albernheit eines Jacques Tati verbindet.

"Ristorante Immortale oder: Vom provisorischen Leben" heißt das Stück, das Hajo Schüler und Michael Vogel gemeinsam mit Freunden von der Essener Folkwang-Hochschule entwickelt haben und das im Ruhrgebiet zum Saisonerfolg wurde.Ein Restaurant am Ende der Welt, und darin vier Kellner und eine Köchin, die warten.Nicht gerade auf Godot, aber auf etwas ähnlich Unwahrscheinliches: einen Gast.Eine Situation, die zum Aufführungsort paßt: Auch die Treptower Arena wartet auf Besucherströme.

Währenddessen langweilen sich im "Ristorante" die Kellner beim alltäglichen Dienst, und das Publikum hat seinen Spaß daran.Der Tisch will gedeckt werden, die Teller gespült, es fehlen noch Blumen, und der Restaurantbesitzer darf den beleuchteten Springbrunnen anknipsen.Viermal geht das so, vier Szenen, in denen Schüler und Company die immergleiche Ausgangssituation variieren.Die Kellner albern herum.Ehrgeiz, Eifersucht und Übermut brechen auf in der geschlossenen Gesellschaft des Restaurants, führen zu kindischen Konkurrenzkämpfen und erlöschen wieder in der deprimierenden Eintönigkeit des Wartens.

Ein Spiel ohne Worte, das die Spieler genauer charakterisiert, als es lange Dialoge könnten: Da ist der cholerische Restaurantbesitzer, der seine Kellner scheucht und doch im Stillen kuscht vor der resoluten Köchin, die hinter der Durchreiche herrscht.Da ist der elegante Oberkellner, dessen selbstverliebte Eitelkeit sich spiegelt im Silbertablett.Der alte Kellner mit der Einsteintolle, der an frühere Zeiten denkt und gichtgeplagt seinen Dienst verrichtet.Und der Benjamin, verschlafen, tapsig, dessen Aufgabe es ist, kümmerliche Schnittblumen aufzustellen, und der doch von der glanzvollen Karriere zum Oberkellner träumt.

Vier Schwingtüren, ein Tisch und eine Durchreiche, mehr braucht es nicht, um ein Feuerwerk besten Slapsticks abzufeuern.Da gibt es Verfolgungsjagden und Verwechslungsspiele, da tauchen Darsteller in Sekundenschnelle an verschiedenen Ecken auf und unter, und in einer Vision erscheint die Madonna.Wiederholungsgags wechseln mit musikalischen Soloeinlagen und akrobatischen Paradenummern, in denen Teller zu Kastagnetten und Servietten zu Springseilen werden.In kluger Dramaturgie gibt es aberwitzig schnelle, dann wieder nachdenklich langsame Momente, folgt Heiterkeit auf Depression.Und am Ende steht eine der leichtesten, traurigsten Begegnungen mit dem Tod.Melancholisches Clownstheater, das bewußt harmlos bleibt und doch voll zärtlicher Poesie ist.Ristorante Immortale oder: Von der Kunst, ohne Worte alles zu sagen.

Bis 23.August, jeweils Donnerstag bis Sonntag, 20 Uhr

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