Kultur : Die Mauer in der Literatur: Schlampige Mörtelfugen, schmerzende Finger

Helmut Böttiger

"Die Geschichte des Mauerfalls ist die Geschichte meines Pinsels", so hieß es dann in den neunziger Jahren. Das Berlin-Genre eroberte in diesem Zeitraum die deutsche Literatur endgültig, die vormals so hoch stehende Mauer ist dabei flach und zur Lachnummer geworden. Thomas Brussigs "Helden wie wir" aus dem Jahr 1995 gab den Ton an. Der verklemmte, von Obsessionen heimgesuchte Held mit dem schnalzenden Namen Klaus Uhltzscht flieht am 9. November aus einem Ostberliner Krankenhaus und durchbricht mit seinem übergroßen Geschlechtsteil die Mauer: "Ich wollte eigentlich gar nicht die Mauer umschmeißen! Ich wollte nur mein Riesending retten!" Der letzte Roman-Abschnitt heißt deswegen "Der geheilte Pimmel", frei nach dem Heimatroman Christa Wolfs, der "Der geteilte Himmel" hieß - ein Buch, von dem Uhltzscht anmerkt, dass es "als Erektionstöter gute Dienste tat".

Brussig hat mit seinem Pimmel-Mauer-Sound einen der großen Erfolgsromane der neunziger Jahre geschrieben. Im bunten Abenteuerspielplatz, den das neue Berlin nach 1989 für die gerade mündig gewordene Generation darstellte, kommt die Mauer als pittoreske Erscheinung, ansonsten nur am Rande vor. Typisch unter den vielen Beispielen ist der Jugendsound-Roman "Spielzone" von Tanja Dückers, der Dialoge wie diesen aufweist: "Jedenfalls ging ich mit so nem Typen, in den ich damals furchtbar verliebt war, auf eine Party in der Nähe vom Checkpoint Charlie, da, wo jetzt das Café Adler ist, Hand in Hand gingen wir in Richtung Mauer . . ". "Und was habt ihr da auf der Mauer gemacht?" fragt Ada mich mit belustigtem Gesichtsausdruck. "Mensch, Ada, ich spreche von der Mauer, nicht irgendeiner Mauer, auf dem Ding konnte man damals nicht sitzen und knutschen!" "Okay, okay, bitte nicht einen auf Pädagogisch, ja?"

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Die Mauer in Bildern Dass Berlins Stadtlandschaft einen gewissen historischen Break hat, dass das Changieren zwischen Ost und West Unverwechselbarkeit des Lebensgefühls garantiert - das versucht die deutsche Gegenwartsliteratur ziemlich einhellig zu vermitteln. Die geschichtliche Tiefe, die Berlin suggeriert, ist aber nicht immer durch Erfahrung gedeckt. So lässt Julia Franck in "Liebediener" ihre Hauptfigur die Kastanienallee entlang gehen: "Die Kastanien, die früher die Straße gesäumt hatten, waren vielleicht vor fünfzig Jahren während der Berliner Blockade gefällt worden. Man wird Brennholz gebraucht haben." Dass die Blockade dem damaligen Westberlin galt, also nicht der Kastanienallee, spielt in diesem Lebensgefühl keine Rolle mehr. Dass es auf zeitgeschichtliche Umstände nicht so sehr ankommt, zeigt auch Michael Kumpfmüller in seinem Humorversuch "Hampels Fluchten": Wie da die Hauptfigur Hampel 1962 zum Teil schwejkhaft, zum Teil mit den seit Uwe Johnson zum deutsch-deutschen Thema passenden komplizierten Nebensatzkonstruktionen die Grenze zur DDR passiert, das hat mit der konkreten Atmosphäre der Zeit damals nichts zu tun. Es ist von vornherein synthetisch und kann deswegen mit dem historischen Stoff locker jonglieren.

Humor und Uwe Johnson: eine eh höchst vertrackte Geschichte. Johnsons zentrales Thema war die deutsche Teilung - er blieb immer Mecklenburger, betrachtete die bundesdeutsche Gesellschaft aus dieser Distanz. Im Roman "Zwei Ansichten" (1965) fand er ein Bild für die Mauer, das seinen ästhetischen Ansatz scharf bezeichnete: "Es gelang ihm, eine seiner Aufnahmen von der zwischen die beiden Berlin gezogenen Mauer an die Zeitung loszuwerden, außer der Reihe. Gedruckt zeigte es nur mehr eine aus großen Vierecken zusammengestellte Fläche, über die Holzstangen und stacheldrahtige Winkeleisen hinausragten, das hatte er nicht gemeint. Hätte er etwas zeigen wollen von seinem auswärtigen Aufenthalt, so wäre es ihm angekommen auf das von schlampigen Mörtelfugen gerahmte, rißscharfe Feld eines einzigen Steines, das dem Betrachter die Fingerkuppen schmerzen machte."

Das ist die Mauer sozusagen vor Ort: Johnson ist bis heute der Maßstab, wenn es um die Ost-West-Mentalitäten geht. In der DDR-Literatur blieb die Mauer weitgehend ausgespart, wenn man von ein paar Pöbeleien und gelegentlichen Andeutungen in der dort üblichen Sklavensprache absieht. Einzigartig aber steht der Roman "Der Weg nach Oobliadooh" von Fritz Rudolf Fries aus dem Jahr 1966 da: Wie selbstverständlich werden hier sämtliche verfügbaren Erzähltechniken der westlichen Moderne benutzt, weitaus lustvoller, als dies gleichzeitig in der Bundesrepublik geschah - das wird auch bei einem Grenzübertritt nach Westberlin deutlich. Ansonsten hatte die Leerstelle "Mauer" in der DDR-Literatur durchaus ein Pendant in der BRD. Selbst in Thomas Braschs Erzählungen "Vor den Vätern sterben die Söhne" (1977), die in Ostberlin spielen, taucht die Mauer, die für den soeben nach Westberlin emigrierten Autor offenkundig immer ein Bezugspunkt war, nur einmal auf: "Nach dem Konzert gingen wir an die Mauer. Ich habe sie mir höher vorgestellt, sagte Sophie." In dieser Kargheit wird die Beklemmung, die von dem gesamten Erzählband ausgeht, gleichsam verdichtet.

Einen Wendepunkt markiert Peter Schneiders Erzählung "Der Mauerspringer" von 1982. Gleichzeitig mit dem Beginn der Ära Kohl entdeckten linksliberale Schriftsteller die Frage des "Nationalen". Peter Schneider, dessen eigentliches Talent immer das Flugblattschreiben war, hatte ein einzigartiges Gespür dafür. "Der Mauerspringer" sammelt Geschichten von witzigen, aberwitzigen Grenzübertritten, und einen Volltreffer landete Schneider mit der Sentenz: "Die Mauer im Kopf einzureißen wird länger dauern, als irgendein Abrißunternehmen für die sichtbare Mauer braucht."

In Schneiders Fußstapfen trat Martin Walser, der in seiner Novelle "Dorle und Wolf" 1987 eine deutsch-deutsche Agentenstory entwarf. Hier findet sich auch schon jener Trick, der nach dem Mauerfall gern gehandelt wurde: zeitgeschichtliche Situationen zu entwerfen, die völlig unglaubwürdig sind, aber durch Komik beglaubigt werden sollen. Vielleicht deutete gerade das die bevorstehende deutsche Einheit an.

Natürlich haben etliche Autoren nach 1989 den Auftrag wörtlich genommen, einen prallen Zeitroman zu schreiben und den Fall der Mauer dabei zu würdigen. Es fällt auf, dass dies immer scheiterte. In Ulrich Woelks "Rückspiel" von 1993 wurden wie in einem Computerprogramm sämtliche relevanten zeittypischen Faktoren miteinander verkoppelt, 9. November Brandenburger Tor inklusive, am Ende war nur Spreu. Auch Cees Nooteboom ließ in seinem Roman "Allerseelen" das "Tanzen auf der Mauer" nicht aus: Es ist nur ein weiteres Klischee in diesem Buch. Thomas Hettche versuchte in "Nox" 1995, seine Poetik des Körpers, zumal der Körpersekrete, spekulativ auf die Nacht des 9. November anzuwenden - dies ist vor allem ein Spiel mit Modellen, mit den Begriffen einer Postmoderne; man kann jetzt schon die Halbwertzeit mitlesen.

Ein bisschen literarische Wahrheit scheint eher in dem lustigen Kreuzberg-Roman "Herr Lehmann" zu stecken, den Sven Regener dieser Tage vorgelegt hat: da geht es um das Biotop Kreuzberg, also um die Zeit vor 1989, und die Nacht des 9. November spielt sich so ab, dass der 30-jährige Lehmann am Tresen einer Kneipe mitkriegt, dass die Mauer offen sei. "Ach du Scheiße", sagt er bloß, und sein Kumpel nebendran wiederholt: "Ach du Scheiße." In dieser knappen Szene ist mehr eingefangen, als es seitenlange Beschreibungen von trunkenen Massen am Brandenburger Tor vermöchten.

Ansonsten hat die Mauer mit Literatur nichts zu tun. In den besten literarischen Texten über Berlin nach 1989 kommt sie nicht vor - das ist kein Zufall. Sie ist als Atmosphäre anwesend, nicht als aufdringlicher Gegenstand. Die beiden Westberlin-Romane Ulrich Peltzers, "Stefan Martinez" und "Alle oder keiner", ragen heraus: hier sind Zeit und Ort in einer eigenen, spezifisch literarischen Form aufgehoben, eine Phänomenologie heutiger Wahrnehmung - "bis es dann nicht mehr weiterging, weil die Mauer von der Flußseite her plötzlich vorsprang und den Weg verstellte, wie das Projekt eines minimalistischen Künstlers, in der Art eines running fence quer durch die Stadt": Einmal musste es also doch gesagt werden.

Und die großen Texte des Ostens, von Wolfgang Hilbig und Reinhard Jirgl, haben es ebenfalls nicht nötig, die Mauer als Gegenstand abzubilden: ihre Texte sind durchdrungen davon. Man könnte die großen Abraumhalden Hilbigs in "Alte Abdeckerei" oder "Die Weiber", die unterirdischen Gänge in "Ich" oder das rastlose Abtasten der Abgründe im "Provisorium" als Mauerphantasien bezeichnen: sie ist mit ihrer Monströsität in dieser Prosa immer sinnlich gegenwärtig. Und in Jirgls verfallender Ruine in "Abschied von den Feinden", im abblätternden Verputz der "Hundsnächte", ist in große schwarze Visionen transformiert, was die Mauer zeitgeschichtlich bedeutet. Große Literatur bildet nicht ab, sie vermisst die Welt neu. Im Hintergrund allerdings ist es dann immer zu vernehmen, das Wissen der Verse Hölderlins: "Die Mauern stehn sprachlos und kalt. Im Winde klirren die Fahnen."

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