Kultur : Die Mauer muss weg

Brückenschlag: Israelische und palästinensische Künstler zu Gast in Berlin

Ulrich Clewing

Der Atomschutzbunker der Ausstellung „Story of Berlin“ am Kurfürstendamm ist einer der unangenehmsten und beklemmendsten Orte der Stadt. Der jungen Frau mit den schwarzen Locken scheint das egal zu sein – vielleicht, weil sie ganz andere Dinge gewohnt ist. Salwa Alenat, Palästinenserin mit israelischem Pass, sucht etwas anderes in Berlin. Der Aufenthalt soll ihr helfen, ein paar Fragen zu beantworten, sagt sie. Zum Beispiel die nach „dem Verhältnis von Kunst und Natur“ oder wie „Kunst und Religion“ zusammenhängen. Gestern, erzählt die 25-Jährige aus Ost-Jerusalem, habe sie darüber bis in die Nacht mit ihrem israelischen Kollegen Michael Igudin geredet.

Seit einer Woche reisen Alenat und Igudin durch Deutschland. Sie waren am Bauhaus in Dessau und im Wörlitzer Park, in Potsdam und im Spreewald, haben im Braunkohlegebiet in der Nähe von Leipzig das vom Abriss bedrohte Dorf Heuersdorf besucht und in Dresden die gläserne Manufaktur. Die beiden gehören zu einer Gruppe von zwei Dutzend Künstlerinnen und Künstlern aus Israel und Palästina, die auf Einladung des Goethe-Instituts und finanziert von der Bundeskulturstiftung mit hiesigen „Problemfeldern vertraut gemacht“ werden sollen, wie es Projektkoordinator Wolfram Höhne ausdrückt. Daher auch der Atombunker. Am Vortag waren die Künstler im KaDeWe, heute wird im Kunsthaus Dresden, der städtischen Galerie, die Ausstellung „Das Vermögen der Kunst“ eröffnet, bei der sie ihre Arbeiten zeigen.

Wer nur das hört, was in den Nachrichten aus dem Nahen Osten gemeldet wird, reibt sich möglicherweise die Augen. Berichte über Krieg und Besetzung, Intifada, Selbstmordattentate und die Räumung illegaler jüdischer Siedlungen im Gaza-Streifen zeichnen ein unvollständiges Bild. Konflikte werden gleichgesetzt mit Waffengewalt, Auseinandersetzungen sind grundsätzlich kriegerisch, Gemeinsamkeiten zwischen Israelis und Palästinensern praktisch ausgeschlossen.

Die Realität sieht anders aus. Salwa Alenat und Michael Igudin, Salam Munir Diab aus Galiläa und der Fotograf Raed Bwayeh, der wie Alenat aus Ost-Jerusalem stammt, repräsentieren das andere Israel, das andere Palästina, jenseits von Politik und Fanatismus. Es ist eine Generation von modernen, kreativ arbeitenden Großstadtbewohnern, die sich von „deutschen Problemfeldern“ kaum beeindrucken lassen. Künstler, die versuchen, mit unterschiedlichen Mitteln gegen die Anspannungen in ihrer Heimat anzugehen und sich politisch zu betätigen. Deutsche Ost-West-Befindlichkeiten, wie sie an diesem Vormittag in Berlin von der Schriftstellerin Daniela Dahn und dem Künstler Peter Kees in selbstvergessenen Zähigkeit analysiert werden, muten im Vergleich an wie ein Kindergeburtstag. Der 41-Jährige Maler Farid Abu Shakra etwa erinnert sich gut an Bunker wie den, in dem Dahn und Kees ihr eitles Zwiegespräch führen. In Tel Aviv flüchtete er sich während des ersten Golfkrieges jeden Tag dorthin. Er findet diese Bauwerke „abstoßend“, doch dringlicher ist sein Wunsch, die Mauer zwischen israelischem und palästinensischem Gebiet möge wieder verschwinden.

Farid Abu Shakra wird in Dresden mit Bildern vertreten sein, die eine Allegorie sind auf das Eingeschlossensein, darauf, dass der, der eine Mauer errichtet, nicht nur geschützt, sondern auch gefangen gehalten wird. Michael Igudin dagegen, wie alle übrigen Künstler von der renommierten israelischen Kuratorin Yael Katz Ben Shalom ausgewählt, zeigt einen Videofilm, den er im letzten Jahr in der Wiener Fußgängerzone drehte und mit Hilfe eines asiatischen Opernsängers seinen besonderen Blick für die theatralische Absurdität im Alltag offenbart. Was normal ist, und wer das festlegt, dem werden sich in Dresden auch Salwa Alenat und ihr Freund Raed Bwayeh widmen. Ihre Recherchen betrieben sie in einer Institution, die sich dafür bestens eignet: in der psychiatrischen Klinik von Bethlehem.

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