Kultur : Die Mauer muß weg

SUSANNA NIEDER

Eine Mutter sucht ihr Kind. Ohne sich recht klarzumachen, was sie am Ende ihrer Reise finden wird, setzt sie sich in den Zug und fährt los. Daß das Kind, das ihr als Einjähriges weggenommen wurde, mittlerweile fast erwachsen ist - egal. Daß es die Adoptiveltern als eigentliche Familie betrachtet - unvorstellbar. So stolpert sie in das Leben des nichtsahnenden jungen Mädchens, das ihre Tochter ist, und stürzt die Welt dreier Menschen in bittere Unordnung.

Eine solche Geschichte könnte an vielen Orten spielen. In der irisch-deutschen Theaterproduktion mit dem schlichten Titel "When The Wall Came Down" ist die leibliche Mutter Roswitha eine ehemalige DDR-Bürgerin, die nach einem Fluchtversuch in den Westen abgeschoben wurde. Erst nach dem Mauerfall erfährt sie, daß ihr Kind in einer als politisch zuverlässig eingestuften Familie aufgewachsen ist. Das Stück spielt an einem Tag im Sommer 1990.

Die Tatsache, daß die Autorin eine Westdeutsche ist, löst reflexartige Bedenken aus. Kann sie ostdeutsche Befindlichkeiten beurteilen? Darf sie das überhaupt? Doch manchmal wirkt der Blick von außen Wunder. Renate Ahrens-Kramer lebt seit 1986 in Dublin und schreibt auf Deutsch und Englisch. In Irland weckte ihr Projekt Neugier. Man kennt sich dort aus mit Grenzen. 1996 tauchten in Dublin Akten auf, die belegen, daß in den fünfziger und sechziger Jahren junge Mädchen zur Freigabe ihrer unehelichen Kinder gezwungen wurden. Die Babies kamen in Familien in Übersee, die vor allem ein Kriterium zu erfüllen hatten: Sie mußten katholisch sein. "Unterdrückung ist Unterdrückung ist Unterdrückung", sagt Ruth McCabe, die Darstellerin der Roswitha, trocken. "Ob sie von der Kirche oder vom Staat ausgeht, ist schließlich egal."

Uraufgeführt wurde "When The Wall Came Down" im Januar 1998 in Dublin, wo das Goethe-Institut zu diesem Anlaß eine Ausstellung zur Geschichte der Mauer organisierte. Die Mitwirkenden sind ausgesprochene Theater-Schwergewichte. Die Regisseurin Bairbre NÞChaoimh ist seit vielen Jahren als Schauspielerin und Regisseurin im In- und Ausland tätig, Mary Elizabeth Burke-Kennedy, Chefin der Storytellers Theatre Company und Darstellerin der Adoptivmutter, hat das Focus Theatre in Dublin mitbegründet und führt vor allem Regie. Johnny Murphy, der den Adoptivvater spielt, dürfte dem hiesigen Publikum aus dem Film "The Commitments" bekannt sein, Ruth McCabe aus "My Left Foot" und "The Snapper". So geschickt der in Berlin lebende irische Bühnenbildner John Colton den zur Verfügung stehenden Raum ausgenutzt hat - daß eine solche Besetzung in einem so winzigen Theater wie dem von Friends Of Italian Opera auftreten muß, ist ein weiterer Beweis dafür, daß die englischsprachige Berliner Bühne längst über den Hinterhoftheaterstatus hinausgewachsen ist und dringend neue Räumlichkeiten braucht.

Eingangs erfahren wir von Roswithas eigener Geburt in den Ruinen Berlins, ihr Vater ist schon gefallen. Bairbre NÞChaoimh hat diese Exposition mit Archivmaterial über Kinder in Deutschland direkt nach dem Krieg angereichert, Kinder, die ihre Eltern verloren haben oder von ihnen getrennt wurden. "When The Wall Came Down" ist ein politisches Stück, gerade weil es von denjenigen handelt, die in der Politik am wenigsten zu sagen haben und am meisten unter ihren Folgen leiden. Das Personal ist reduziert auf die vier direkt betroffenen Personen: Roswitha, die die Adoptiveltern ihrer Tochter als Diebe betrachtet, Marion (Iseult Golden), für die eine Welt zusammenbricht, die Adoptivmutter Steinmann, die aus dem Glauben gerissen wird, daß die leiblichen Eltern ihrer Tochter bei einem Autounfall ums Leben kamen, und den Adoptivvater Steinmann, der von dem Kuhhandel gewußt, verbissen geschwiegen und ans System geglaubt hat. Gut und Böse gibt es am Ende nicht; selbst Herr Steinmann, der Frau und Tochter so offensichtlich beschützen wollte, wird nicht als Schurke denunziert. "Jenseits einer sehr spezifischen historischen Situation bleibt die conditio humana", sagt Mary Elizabeth Burke-Kennedy.

Die Herangehensweise von Bairbre NChaoimh und dem Ensemble der Storytellers ist von einer Unbefangenheit, wie sie im Gestrüpp deutsch-deutscher Empfindlichkeiten nicht möglich wäre. Auch Renate Ahrens-Kramer, die ja sozusagen mit einem Fuß in der deutschen und mit dem anderen in der irischen Kultur steht, ist freier als wir. Der emotionale Zündstoff ist in äußerst verknappter Form so unsentimental präsentiert, daß sich die Regisseurin am Ende (gegen die heftigen Bedenken der Autorin) etwas leisten kann, das in einer rein deutschen Produktion nie und nimmer funktioniert hätte. Die Inszenierung endet damit, daß Marion, deren Selbstbild ohne die Wiedervereinigung nie zerstört worden wäre, auf der Geige "Freude, schöner Götterfunken" begleitet. Und plötzlich bedeuten die überstrapazierte Melodie und der Text wieder das, was ursprünglich gemeint war - den unstillbaren Wunsch nach einer Einigkeit, die fast nie im Leben zu erreichen ist. In diesem Moment dämmert eine Erkenntnis, die in der deutsch-deutschen Sprachlosigkeit schon fast untergegangen war: daß im Geschichtenerzählen die Chance zu einer Katharsis liegt, die kein Politiker der Welt herbeireden kann.

"When The Wall Came Down" läuft noch vom 1. bis 4. Juli bei den Friends Of Italian Opera, Fidicinstr. 40, Kreuzberg, 20 Uhr.

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