Kultur : Die Medien in Kaprun: Quo Vadis?

Caroline Fetscher

Die Sensation bestand darin, dass einer auf sie verzichtete. Kurz nach der Meldung über das Unglück in Österreich sagte der Moderator der Abendnachrichten im Deutschlandfunk einen Satz, wie man ihn sonst in den Medien nicht hört. Noch war fast nichts bekannt von dem Unglück, nur dass mehr als hundert Menschen zu Tode gekommen waren. Der Satz: "Auf Spekulationen und Mutmaßungen, wie sie nach solchen Katastrophen üblich sind, möchten wir jetzt aus Respekt auf die Opfer verzichten."

Geschah da ein Wunder in der Medienbranche? Es war nur ein Funken eines Wunders. In den Bergort Kaprun rückten Hunderte von Journalisten mit schwerem Gerät, Satellitenschüsseln und Kameras ein. Auf der Straße, in Geschäften und vor der Haustür werden sie belagert: "Kannten Sie einen der Toten?" Möglichst "exklusive Opfer-Stories" werden gesucht, möglichst "exklusive Angehörige". In Kaprun, so berichtete das 3-Sat-Magazin "Kulturzeit", ist "Journalist" bei Einheimischen inzwischen ein Schimpfwort. Der aktuelle "Stern"-Titel zeigt eine blutüberströmte Überlebende, daneben ihren Namen und den Zusatz, diese Frau habe drei Verwandte bei dem Unglück verloren. Selbst wenn sie dem Abdruck zugestimmt hat - unter Schock -, bleibt das Bild unerträglich.

Immerhin, der österreichische Sender ORF versuchte es mit Pietät. Kurzerhand wurde eine Komödie aus dem Programm geworfen und stattdessen "Quo Vadis" gezeigt. In dem Schicksals-Epos aus Hollywood gibt Neros Gattin den Urchristen die Schuld am Brand Roms und wirft sie den Löwen vor. Dann doch lieber die Komödie.

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