Kultur : Die Medien und die Würde: Mahnruf in die laute Zeit

Würde.

Es müßte mal wieder etwas über Würde, Intimsphäre und Privatheit gesagt werden.Denn die Art der unaufgefordert eintreffenden e-mails wird von Tag zu Tag schlimmer. Am Mittwoch sollte ich mich sofort in den "BB-Chat einklicken": Wenn ich nämlich wüsste, "wer es mit wem im BB-Container treibt", dann kann ich 1000 Mark gewinnen oder ein "scharfes Fotoshooting mit einer Profifotografin". Am Donnerstag fragte man, ob ich es jetzt gleich im "Cyberstore" mit einem "Bildschirmschaf" treiben wolle! Uneingefordert Post am Donnerstag von "Ran an die nuggets von crazyclick" oder so, dann einfach die Anfrage mit dem Bildschirmschaf! Und ob ich bei der Gelegenheit nicht auch noch gleich den neuen Super-PC mit "Dual Channel Rambers" kaufen will, damit könne ich nämlich das Schaf besser hören. Ich telefonierte mit einem von mir verehrten Redakteur und fragte, was für einen Internet-Anbieter er denn habe, das würde ja alles immer schlimmer werden, dagegen müsse man doch einmal mit Würde mahnend anschreiben. Außerdem hätte ich Angst vor morgen, morgen soll ich bestimmt zu einem Fotoshooting mit einem Schaf! Der Redakteur sagte, er habe sich nach Boris Beckers erschütternder Presseerklärung abgewandt von der Welt, denn mit der Welt stimme irgendwas nicht mehr. Er sagte: "Die Menschen trennen sich gerade alle, es ist mir unerklärlich." Ich sagte ihm, dass es vielleicht wirklich eins dieser unerklärlichen Phänomene sei, weil im Sommer, da hatten wir in Berlin ja alle die Fruchtfliege in den Haushalten, wo man hinkam, sagte jeder: "Sag mal, hast du auch diese komischen Fliegen?" Und jetzt sagt jeder, wo man hinkommt, dass sich gerade alles trenne, mit oder ohne Presseerklärung, überall brechen jetzt in den Freundeskreisen die Beziehungen und die Haushalte auseinander. Nicht dass die Fruchtfliege irgendwas damit zu tun hätte, eher schon die Bildschirmschafe von crazyclick im Internet, aber die Berliner Fruchtfliege kam eben genauso unerklärlich durch die Luft, wie jetzt die ganzen Trennungen: Becker, Jenny Elvers, Franziska van Almsick, Hera Lind, Michael Stich, Cameron Diaz, der Verteidigungsminister. Vielleicht auch noch bald der Außenminister und Franz Beckenbauer! Mein Gott, und wenn die dann auch noch alle Presseerklärungen abgeben! "Ja, ja", sagte der Redakteur, "schlimm" - und sprach plötzlich und unerklärlich über die "Sendung mit der Maus". Er würde jetzt, um die Hoffnung noch nicht ganz aufzugeben, einen Text schreiben über "Orte der Würde" und über "Orte des stillen Glücks". Im Fernsehen! Im alten Medium Fernsehen wolle er nach poetischen Oasen suchen in der lärmenden, liebelosen Welt. Ja, und in der "Sendung mit der Maus", da reihe sich eben leise und liebevoll Beitrag an Beitrag und am Ende, da wisse man zum Beispiel, warum die Pflanzen so grün sind, der Himmel so blau oder die Elefanten im Dschungel so treu. Am Abend suchte ich ebenfalls fieberhaft ^mit nach Sendungen, die eine poetische Oase bilden könnten. Ich sah auf 3-sat die Sendung "John Lennon - Yoko Ono. Eine Reise in ihr Leben" und die ARD-Sendung "Bahnstrecken", wo eine Eisenbahn kommentarlos durch Schottland fuhr, untermalt mit harmonischer Musik, allerdings musste ich dabei die ganze Zeit denken, wie diese fiesen Internet-Gangster von crazyclick irgendwie herausfinden, was mein Redakteur für Sendungen guckt, und ihm am nächsten Tag per e-mail und mit Dual Channel Rambers direkt Sex mit der Maus anbieten oder umsonst ein scharfes Fotoshooting mit Yoko Ono. Am nächsten Tag rief mein Redakteur an und sagte mit freudiger Stimme, dass man die Dessous von Maria Callas erworben hätte! Aha, dachte ich, jetzt haben sie ihn! Mein Redakteur kauft im Cyberstore die Unterwäsche von Maria Callas, scheiß Welt, die Jungs von crazyclick machen uns alle fertig. Die Dessous, sagte er feierlich, seien erworben worden von der griechischen Stiftung Athenäum, um - so die schönste Presseerklärung dieser Tage - "die Ehre und die Privatsphäre von Maria Callas zu retten". Man wolle ihre Dessous verbrennen und die Asche aufs Mittelmeer fahren und in alle Winde verstreuen. "Vielleicht fahre ich mit als Reporter", sagte er und legte glücklich auf. Das ist ein schönes Bild. Mein Redakteur auf dem Mittelmeer mit einem Schiff und den Überresten der Dessous von Maria Callas. Eine Arie ertönt, und der Präsident der Athenäum-Stiftung streut die Asche in den Wind.

Eine Szene der Würde.

Ja, ein poetisches Zeichen für den Rückzug und das Geheimnis in dieser, ach, so öffentlichen Zeit.

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