Kultur : Die Melancholie des Bolero

ROMAN RHODE

In der kubanischen Musik ist der harte Rhythmus des Alltags zu spüren.Ab heute auch bei den "Heimatklängen" im Berliner Tempodrom.Eine Reise in die Heimat der Klänge: nach HavannaVON ROMAN RHODEAlles ist Musik, heißt es in der Rumba.Und wo wirkt Havanna selbst wie eine Staffage zu Gershwins aufgewühlter Kubanischer Ouvertüre? Die Nebelhörner der maroden Schiffe im Hafen tönen wie klagende Posaunen, durch die Altstadt hallt der melodiöse Ruf der Erdnußverkäufer, und die aufbrausende See schlägt im Winter wie ein kräftiger Tusch auf die verfallene koloniale Uferpromenade.Die Klangwelt Kubas fügt sich in Havanna, einer Schnittstelle zwischen Europa, Afrokaribik und USA, zu einer Musik ganz eigener Art zusammen. In den Speisesälen der neobarocken Hotelpaläste perlt das erhabene Tastenspiel einsamer Pianistinnen: Stücke von Gonzalo Roig oder Ernesto Lecuona.Zwischen den Säulen der Vorhallen lassen Männertrios ihre Maracas sanft zu den Träumen ausländischer Damen rasseln.Auch das Säuseln der Jineteras, der tropischen Geishas, die vor den Dollardiskotheken und am Malecón mit "ay, mi amor" aufwarten, kommt wie Gesang daher.Wenn die erfolgreichen jüngeren kubanischen Bands satirische Texte rappen und dazu mit ihren Trompeten schmettern, spürt man ebenfalls den harten Rhythmus des Alltags, den Handelsembargo, Warenknappheit und Kommandosozialismus vorgeben.Weniger aufreibend geht es unter den Kolonnaden der Altstadt zu, wo sich die Touristen an Mulattinnen und Mojitos laben.Dort spielen ländliche Gruppen Guajiras, Son und Cha-Cha-Chas für ein begehrtes Trinkgeld in grünen Scheinchen.Die Vielzahl der zugewanderten Musikanten erinnert dabei an die zwanziger Jahre, als der "Son cubano" mit seiner Mischung aus afrikanischem Erbe, spanischer Versform und provinzieller Unbekümmertheit die Hauptstadt eroberte.Auch damals hatte sich Kuba, mit stürzenden Zuckerpreisen und den betrogenen Hoffnungen einer jungen Republik, tief in der Krise befunden - und die Künstler suchten ihr Glück zwischen Havannas glänzenden Casinos und elenden Hintergassen. Seit der Revolution allerdings werden Musiker aller Stilrichtungen vom Staat gefördert, ausgebildet und bezahlt: das erklärt die hohe Professionalität selbst kleiner, unbekannter Ensembles.Festivals, Open-Air-Konzerte und zahllose Jours-fixes führen die Vielfalt der kubanischen Musik auch dem einheimischen Publikum vor.Jeden Mittwoch zum Beispiel bietet der staatliche Künstlerverband im eleganten Villenviertel Vedado ein illustres Programm: Urwüchsiger Son, gemessener Danzón und die Schwermut des Bolero bringen die Intelligentsia bei Pfefferminzlikör oder Tropi-Cola zum Schwärmen und Tanzen. Wer jedoch den Reichtum an völlig ungekünstelter Tradition erleben will, muß versteckte Orte aufsuchen.Dazu gehören die dunklen Mietskasernen im halbverfallenen Stadtzentrum.Zu bestimmten Anlässen entlädt sich in den engen Innenhöfen ein polyrhythmischer Wirbel aus Löffeln und rauhen Handflächen, der auf Spanholztröge, Congas, Flaschen und den Steinboden geschlagen wird.Begleitet wird diese Perkussion vom Takt der Klanghölzer und den improvisierten Reimversen wettstreitender Sänger."Oh La Habana", antworten die ergriffenen Zuschauer im Chor: es sind die Hausbewohner, die mit viel Rum und Zigarren einen Geburtstag feiern.Was durch die Bescheidenheit der Instrumente zunächst wie eine kriegsökonomisch bedingte Session erscheint, ist jedoch die Rumba in ihrer ursprünglichen Form.Entstanden ist sie in den Hinterhöfen von Havanna, wo sich befreite schwarze Sklaven ohne Land, und arme Lohnarbeiter aus Spanien um die Jahrhundertwende trafen.Dadurch sind iberisches Versmaß und Lobgesänge auf die alten afrikanischen Gottheiten zu einer profanen Fiesta verschmolzen. Wie die entfesselte Rumba das längst vergessene Substrat bürgerlicher Tanzschritte, so ist der Son cubano die rhythmische Grundlage der modernen Salsa.Lázaro Herrera, der 1927 zu den Gründungsmitgliedern des legendären Septeto Nacional gehörte, weiß vom Siegeszug des Son zu erzählen.Zurückgezogen, aber unvergessen lebt der 93 Jahre alte Musiker irgendwo am Rande der Altstadt.Lázaro, der mit seiner Trompete kubanische Musikgeschichte geschrieben hat, erinnert sich an seine ersten Auftritte in Bordellen und Tanzsalons, dann an die prächtigen Lokale Sans Souci und Tropical, wo dunkelhäutige Musiker zwar spielen, aber nicht tanzen durften.Als "Botschafter der kubanischen Folklore" kam das Septeto Nacional 1929 auf der Sevillaner Weltausstellung zu Weltruhm.So benutzte George Gershwin die Anfangsmelodie des Septeto-Hits "Échale Salsita" in seiner Kubanischen Ouvertüre.Von der Revolution als eine staatliche Institution übernommen, hat sich das Septeto Nacional inzwischen erneuert und versucht, sein musikalisches Erbe harmonisch aufzufrischen.Zu den Proben trifft man sich, zwischen Straßenlärm und Abakuá-Altären, im kleinen Wohnzimmer des Bongo-Spielers: der Stadt mangelt es an Räumlichkeiten.Nicht nur das ist die Kehrseite der staatlichen Fürsorge.So reicht auch das Gehalt in kubanischen Pesos nicht aus, um die verschlissenen Instrumente zu überholen.Zudem vermittelt der Staat kaum Auftrittsmöglichkeiten, und der Gruppe ist es nicht gestattet, eigenmächtig Dollars zu erwirtschaften. Obwohl das Septeto Nacional zu seinem 70jährigen Bestehen offiziell emporgehoben wird, wirkte es auf den wenigen Konzerten, die ihm zugeteilt werden, wie eine zweitrangige Vorgruppe.Im eisgekühlten Hotel Copacabana etwa stehen die Musiker verloren in einer Ecke des Foyers, und die Touristen in Bambussesseln verlangen "Guantanamera" oder "Comandante Che Guevara" - Lieder, die nicht zum Repertoire des Septeto gehören, sondern das musikalische Klischee Kubas im Ausland bedienen. Nur die modernen Troubadoure wie Silvio Rodriguez oder Pablo Milane¿s, innovative Salsa-Gruppen wie Los Van Van oder die Charanga Habanera sind, mit eigenen Plattenstudios und Auslandsauftritten, relativ unabhängig vom Staat.Doch die Essenz der kubanischen Populärmusik, die sich nur schwer kommerzialisieren läßt, findet man nur noch in den verborgenen Winkeln Havannas.Manchmal gelingt es auch dem Touristen, diese musikalische Seele Kubas aufzuspüren: Im Rincón del Feeling zum Beispiel, über der Bucht von Havanna, wo die schwarzen Tränen des Bolero fließen: ein männliches Stoffwechselprodukt aus Verlangen und Resignation, zu dem sich das Publikum in einen wohligen Tanz hüllt.Anders als Fidel, der in seiner Drohung "Sozialismus oder Tod" nur das verhängnisvolle Element des Genres aufnimmt, besingt der Bolero trotz aller erlittenen Schmach ein Gefühl der Zuneigung, das den Mann mit der Dame des Herzens verbindet, auch wenn diese schon längst verschwunden ist.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben